Ist sexy tot?

FRAG ICH MICH GERADE


Neulich stieß ich in der Uni-Bibliothek auf halber Treppe mit einer ungefähr 45-jährigen Studentin zusammen. Meine Gegenüber, mit ungekämmtem Wisch auf dem Kopf und umweltverträglichen mausgrauen Leinen am Leib, blieb ob der Beinahe-Kollision wie angewurzelt stehen, trat einen Schritt zurück und musterte mich angewidert. Ich trug an jenem Tag einen blauen Herrenpulli zu Minirock, nackten Beinen und schwarzen Stiefeletten mit Absatz. Die Mausgraue öffnete den Mund, schloss ihn wieder, schnappte nach Luft und sagte dann völlig unvermittelt:

„Sie müssen sich sofort etwas anderes anziehen!“

„Wie bitte?“

Sie funkelte mich so wütend an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, ihr Eine-Welt-Leinenhemd als Putzlappen für die Mensa-Küche zu zweckentfremden. Dann holte sie Luft und stieß hervor:

„Weil! Das ist gefährlich!“

Gefährlich! Vor Erstaunen wäre ich fast von der Treppe gefallen. Ich habe ja schon viele Kommentare zu meinen mitunter merkwürdigen Outfits bekommen, aber dass von meinen Kleidern Gefahr ausgehen könne, hörte ich zum ersten Mal. Dann verstand ich: statt „gefährlich“ hatte die Dame wahrscheinlich „sexy“ sagen wollte. Bloß ist sexy in der öffentlichen Wahrnehmung heutzutage offenkundig so unsexy, dass man nicht einmal mehr das Wort in den Mund nehmen will.

Kaum ein Kleidungsstil ist heute unterrepräsentierter als jener der Verführung. Vom Mainstream bis zur kleinsten modischen Minderheit ist auf der Straße fast alles vertreten: bunte Menschen in Leggins und Chucks, elegante Frauen in Bleistiftröcken, Jugendliche und Junggebliebene in Sportanzügen, Gruftis in schwarz, Spießer in blau-weiß-kariert. Nur von der wirklich sinnlich gekleideten Frau fehlt jede Spur, es sei denn, man ist in Mailand und Fausto Puglisi lädt zur Modenschau.

Sogar in Paris wird sexy auf der Straße zur Sensation: als ich dort einmal in meinen Overknee-Stiefeln durchs Marais lief, pfiffen mir mehrere Müllmänner hinterher, drei Araber versuchten mich nachdrücklich ins Hinterzimmer ihrer Falafelbuden zu locken und beim Passieren eines Basketballplatzes hätte ich doch am liebsten kurz mal eine Burka übergeworfen. Im sportlichen Berlin ist es noch schlimmer: stilsicher-verführerisch gekleideten Damen begegne ich hier nie, zwischen geschmacklos und modisch ist das Angebot dünn, und modisch, das heißt heute: reduziert, voluminös und keinesfalls körperbetont.

Das ist überhaupt ein Phänomen unserer Zeit: mit größtem Eifer bekämpft die junge, modebewusste Damenwelt jeden noch so leise lodernden Funken kleidsamer Sexyness. Wenn wir schon mal in ein Minikleid steigen, muss das Ganze gleich unbedingt mit jungenhaften Sneakern kompensiert werden. High Heels zu nackten Beinen? Viel zu reizend! Zumindest die klassische Art der modischen Verführung, wie sie uns nach wie vor in vielen Editorials der Hochglanzmagazine vorgeführt wird, hat mit dem realen Modegeschehen unserer Zeit – also jenem, das auf der Straße existiert – so gut wie nichts mehr zu tun. Der Lässigkeit zuliebe ist die Sexyness dort nämlich längst ausgestorben.

Ich ärgere mich ja immer wieder, die 70er und 80er Jahre dank eines blöden Zufalls nicht miterlebt haben zu dürfen. Zu gern hätte ich gewusst, wie es sich anfühlt, ganz ohne Skrupel freizügig gekleidet herumzulaufen: so wie Amy Adams als Sydney Prosser in „American Hustle“ beispielsweise, mit feuriger Lockenmähne und einem Dekolleté bis nach Zentralafrika. Man stelle sich mal vor, die Berliner Modemädchen wären heute in solch sexy Aufzug auf der Torstraße unterwegs!

Aber was heißt sexy überhaupt? Der klassischen Definition nach bezeichnet das Attribut einen Kleidungsstil, der indirekt zum Sex verführen soll. Also Kleidung, die Männern gefällt. Die allgemein verbreitete These dazu lautet ergo: Frauen, die sich sexy kleiden, degradieren sich selbst zur Verkaufsware. Wenn sexy heute tot ist, heißt das dann, dass die weibliche Emanzipation endlich vollbracht ist? Dass wir uns endlich so anziehen, wie es primär uns selbst gefällt, und nicht unseren Bettgenossen?

Das ist in der Tat eine schöne Vorstellung.

Allerdings tue ich mich irgendwie schwer damit, eine Frau wie Sydney Prosser, mit ihren wallenden Locken und dem metertiefen Ausschnitt, wirklich unemanzipiert zu finden. Sieht sie nicht einfach toll aus? Und ist Tollaussehen nicht eigentlich unsere wichtigste Geheimwaffe? Wenn wir diese Waffe ablegen, nur um in unseren Schlabberhosen, Badelatschen, Bomberjacken und Sackkleidern besonders lässig und androgyn und cool auszusehen, muss das dann nicht heißen, dass wir uns bloß dem Stil der Männerwelt unterwerfen? Aus dieser Perspektive betrachtet erscheint das Aussterben der Sexyness doch plötzlich gar nicht mehr so emanzipiert. Selbst wenn wir in verführerischen Outfits die Aufmerksamkeit der Müllmänner und Araber erregen – tun wir uns damit nicht auch selbst einen Gefallen?

Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen ich mich in Berlin doch mal im kurzen Kleid zu hohen Schuhen auf die Straße wage, stellt sich nach kurzer Gewöhnung an die skeptischen Blicke (die man tunlichst ignorieren oder dreist erwidern sollte) tatsächlich immer wieder ein großartiges Gefühl der Unbesiegbarkeit und Euphorie ein. Allein mit High Heels an den Füßen wirkt man nicht nur größer, sondern bewegt sich auch auf der Stelle anders, die Silhouette des Körpers verschiebt sich zu einem schwungvollen S, der Gang wirkt temperamentvoller. Warum diesen Umstand nicht zum eigenen Vorteil, zum Beispiel zur Steigerung des persönlichen Selbstbewusstseins nutzen? Sinnliche Kleidung zu verschmähen, nur weil sie selbst auf westlichen Straßen nach wie vor als Eklat betrachtet wird, ist tatsächlich nichts weiter als die Leugnung der eigenen Sinnlichkeit – und damit ziemlich unemanzipiert. Zudem bietet uns die Mode heute im Bereich verführerischer Kleidung mehr Variantenreichtum denn je: das zeigen nicht nur die Editorials der Magazine, die erotische Kleidung auf oftmals sehr spritzige und ironische Weise inszenieren. Sondern auch die vielen Designerinnen, die neue Mode für ihre eigene Generation, die sexy Frau des 21. Jahrhunderts entwerfen: Rosie Assoulin, Katie Ermilio, Charlotte Olympia, Nicky und Simone Zimmermann.
So cool kann gefährlich sein.

Von oben nach unten: Rosie Assoulin Sommer 2014, Katie Ermilio Winter 2014, Zimmermann Sommer 2014

  • Anonym
    Wie recht du hast. Ich habe jahrelang nicht bemerkt, dass ich eine gute Figur habe. Im Gegenteil, ich hatte immer wieder Komplexe, weil die übliche Oversizemode an mir nicht lässig aussah, sondern mich dick machte. Irgendwann dachte ich sogar, dass ich dick oder zumindest stämmig bin.
    Bis ich eines Tages darauf aufmerksam gemacht wurde, ich hätte die gleiche Figur wie Marylin Monroe. Eine Sanduhrfigur, große Oberweite, schmale Taille, breite Hüften, für die ich, seit ich weiß, was mir schmeichelt, jede Menge Komplimente bekomme.
    Wenn ich im Zara vor den hochgeschlossenen Säcken stehe, frage ich mich immer wieder, wer das trägt. Sicher gibt es schlanke Frauen mit kleiner Oberweite und Teenies, denen der androgyne Stil steht – aber die meisten Frauen jenseits der 16 wären gut damit beraten, ein bisschen mehr Kurve zu zeigen. Warum die Modeindustrie sich kollektiv seit Jahren der Weiblichkeit verschließt, ist mir ein Rätsel.

  • Christian
    Liegt es nicht daran, dass wir alle gern "Hard to get" spielen? Laufen nicht auch die Männer statt in Stoffhosen mit weißem Hemd in verranzter Freizeitklamotte herum und lassen sich einen talibanesken Filz-Vollbart stehen?
    • Anna
      Wenn ich statt Minirock eine Boyfriend-Jeans trage und statt Pumps meine Turnis, dann spiele ich doch nicht 'hard to get'. Ich weiß, es ist schwierig zu verstehen, aber vielleicht habe ich mich überhaupt nicht für die Männer da draußen angezogen. Sondern für die Frauen. Oder für meinen Alltag. Oder nur für mich.
    • Christian
      Ich, wenn ich in meinem löchrigen Polo und abgetragenen, dreckigen Hallenfußballschuhen plus ausgebeulter Uralt-Jeans herumlaufe, auch nicht. Und ja, in vielen Momenten ist auch mir meine Außenwirkung egal. Aber das Komfortbedürfnis allein reicht wohl kaum, um 'sexy' wirklich zu 'töten' – also eine bestimmte Sorte Außenwirkung gezielt zu meiden.
  • Anonym
    Stimmt, es gibt viel gegenseitige Kontrolle unter Frauen, wenn es um angemessene Kleidung geht. Aber unterstützend finde ich die Eingangsbeschreibung der "mausgrauen" Frau auch nicht. Jede wie sie will, oder? Ihr sTil hat nichts mit ihrem kommentar zu tun, das hätte auch von ner Frau im teuren und schicken Anzug kommen können.
    • Eveline
      Da schließe ich mich an
  • Anonym
    "Und ist Tollaussehen nicht eigentlich unsere wichtigste Geheimwaffe?"

    Aaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!
    Oh mann mir tut das echt weh sowas zu lesen.
    Wobei ich mir dann ins GEdächtnis rufe wie jung Du noch bist.

    Das macht mich grad echt irgendwie sprachlos. Auf das Äussere reduziert zu werden als Frau das ist doch eigentlich genau DAS was so ungerecht und manchmal sehr verletzend ist. Sowohl im positiven als auch negativen Sinn.

    Was Du gar nicht aufnimmst in Deinem Artikel: was machen denn die Frauen die nicht wie Du jung, makellos, schlank, blond, grazil und umwerfend aussehen?
    Glaubst Du die sehen so toll aus in Highheels? Und nicht vergessen bitte: die wenigsten können darin laufen. Ich empfinde oft Fremdscham wenn ich in der Stadt (München) Mädels oder Frauen sehe die in ihren Heels dahinstaken.
    Sexy ist eine Frau dann wenn sie in sich selbst ruht und das auch ausstrahlt.
    Und das ist eine Frau mit weissem Shirt und Sneakern vielleicht mehr als eine im sexy Fummel + sexy heels.

    Ich kann echt nur den Kopf schütteln. Es ist nat. einfach so einem scheinbar vergangenen Trend hinterherzuheulen wenn man ihn mit schönen Modefotos aus möglicherweise aufregendeneren Jahrzehnten garniert.

    ABer mal nach den Ursachen zu forschen warum es jetzt weniger "sexy" Klamotten gbit.. vielleicth weil der Trend mehr zu praktisch und flexibel geht, weil Frauen an sich mehr leisten müssen als – wie möglichweise früher- NUR auf Männerjagd zu gehem umd einen "Versorger" klarzumachen..

    Lass doch einfach jeden so sein wie er will. Wenn Du dich in Overkneestiefeln wohl fühlst weil sie an DIR als Frau super aussehen ist doch gut. Andere fühlen sich eben in flachen Schuhen udn nicht so körperbetonten Kleidern besser.

  • Ich finde auch, dass Tollaussehen nicht unsere Geheimwaffe sein sollte. Denn genau das ist der Fehler und genau deshalb brauchen wir mehr Feministinnen. Das Problem ist meiner Meinung nach, dass Frauen eben gerade denken, ihre Waffe wäre gutes Aussehen – und wie meine Vorrednerin schon meinte, es gibt eben auch Frauen, die nicht so schön sind wie du, liebe Claire, oder die sich nicht so wohl in High Heels fühlen, wie beispielsweise ich, und die trotzdem selbstbewusst, in sich ruhend und authentisch sind. Ich persönlich finde Frauen dann sexy, wenn sie stark sind, intelligent, humorvoll und eine starke Ausstrahlung haben, die eben gerade nicht denken, ihre Stärke wäre ihr Aussehen, sondern die einen super Job haben, die Visionen haben, die etwas verändern wollen, die freundlich sind und offen für die Welt.

    Ich glaube ich meine zu verstehen, was du mit dem Text sagen willst und es stimmt natürlich, dass Frauen sich nicht bewusst herunter stylen sollten, nur um von der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Das ist ein Denken, das noch recht verquer ist – dass viele meinen, sie können erst dann eine Diskussion mit Männern führen, wenn sie Sneaker an haben und eine Boyfriend Jeans ergo sich als "Mann" verkleiden. Das ist ebenso totaler Unsinn! Ich habe mir darüber schon viele Gedanken gemacht und bin auf den Punkt gekommen, dass die Worte Feminismus und Mode tatsächlich viel weniger miteinander zu tun haben, als man eigentlich denkt. Es geht um das persönliche Selbstbewusstsein, um das, was man selbst im Leben will und was man von anderen erwartet, und ob man das nun im rückenfreien Body macht oder in überweiten Säcken, ist meiner Meinung nach völlig irrelevant.

    Trotzdem ein wieder mal höchst charmanter Text von dir, liebe Claire!

    Liebe Grüße,

    Amelie

  • Guten Tag die Damen! Zum Waffenarsenal der Frau: da gibt es natürlich einige Kanonen im täglichen Gebrauch – Selbstbewusstsein, Intelligenz, Humor, Multitasking… und dann hätten wir noch die kleinen "Geheimwaffen", von denen feminine Sinnlichkeit meiner Meinung nach eine ist.
    Natürlich soll jede/r anziehen, was er/sie schön findet – egal ob das jetzt Adiletten oder Stilettos sind. Ich persönlich trage beides gern! Nur in letzteren werde ich häufiger schief angeguckt.

    Was ich primär sagen wollte: ich finde es falsch, klassisch-verführerische Kleidung kategorisch abzulehnen bzw. Frauen, die in körperbetonten Kleidern und hohen Schuhen herumlaufen, zu verspotten. Aspekte wie Selbstbewusstsein, Intelligenz, Humor und Ausstrahlung werden neuerdings gerne Ikonen wie Lena Dunham zugesprochen, die eben nicht im konventionellen Sinne schön sind. Sehe ich auch so, finde ich gut! Gleichzeitig können aber AUCH Frauen in femininen Outfits selbstbewusste, humorvolle Feministinnen sein. Es soll ja nicht der "sexy Fummel" sein, viel lieber was Subtileres von den oben genannten Designerinnen. Genau wie Du sagst, Amelie: ich muss mich nicht wie ein Mann anziehen, nur um mich auf Augenhöhe mit einem unterhalten zu können.

    • Anonym
      applaus claire! man könnte den artikel auch "plädoyer für mehr stil" nennen, denn es gibt doch nichts sinnlicheres als geschmack für qualität: ein wohlausgesuchter schuh, ein raffiniertes kleid, alles aspekte die eine frau anziehend und interresant machen. stil ist nicht einfach ein albernes rennen nach marken, sondern ein besonders geschultes auge. klar ist es für die deutsche öko/alternativ frau einfacher in einen trash-vintage-shop zu gehen und sich für 50cent/kilo xl baumwollhemden zu ergattern, um es dann als hip auszugeben, "weil so doch alle rumlaufen". Pfui!
      clair mach bitte weiter so und schwimm elegant, sexy gegen den empörten strom. die masse weiß es meist nicht zu schätzen.
    • Anonym
      Schade, dass du genau diesen wichtigen Aspekt nicht in deinem Artikel angesprochen hast!
    • Anonym
      Und interessant macht mich auch nicht das, was ich am Fuß oder um den Hals trage. Sondern das, was ich im Kopf und im Herz habe!
  • Anna
    Claire, eigentlich halte ich dich für ein ganz helles Köpfchen. Aber bei sowas hier möchte ich einfach nur brechen: "Selbst wenn wir in verführerischen Outfits die Aufmerksamkeit der Müllmänner und Araber erregen – tun wir uns damit nicht auch selbst einen Gefallen?"

    Jeder soll das tragen, worin er sich schön, emanzipiert und sexy fühlt. Wenn das ein knackiges Kleid ist, wunderbar. Wenn es ein Anzug ist, auch großartig.
    Was du hier allerdings beschreibst, nennt man in den USA cat calling und es ist einfach nur ekelhaft! Für ungefragte öffentliche Schein-Komplimente von Fremden muss nun wirklich keine Frau und auch sonst überhaupt niemand dankbar sein.
    Mich packt hier echt die Wut!

    • Anonym
      schade das du nicht den kern des artikels sehen möchtest. schaut man sich in deutschland um, sieht man wirklich schlecht angezogene leute, die ihr potenzial völlig verstecken. schon mal sich im rest der welt umgeschaut? mailand, südamerika, die slawischen länder? es herrscht eine ganz andere attitüde, eine ganz andere kultur.
      aber gut, wie du sagst, jedem dass seine: trekking-pants, baumwollshirt und nur nicht die wanderschuhe vergessen auf dem weg zu einem besonderem treffen. wenigstens freut sich jack wolfskin über den grandiosen umsatz in deutschland.
    • Anna
      Dass die Deutschen nicht als Modevolk gelten, weiß ich auch. Und ja, da sollte sich mehr getraut werden. Aber die Frage ist doch die: WAS genau ist hier der Kern des Artikels? Der Titel heißt nun mal 'Ist sexy tot?' und nicht 'Ist Stilgefühl/guter Geschmack tot'. Geht es darum, dass Frau ermutigt werden soll, sich auch mal wieder weiblich elegant zu geben? Soll aufgezeigt werden, dass Sexiness Emanzipation nicht ausschließt? Oder wurde 'sexy' ganz einfach mit 'emanzipiert' gleichgesetzt/andere Modelle als nicht wirklich emanzipiert verworfen?
      Sollte ersteres und zweiteres der Fall sein, wie es ja auch Claires Kommentar nahelegt, finde ich es tatsächlich unglücklich formuliert und vielleicht auch nicht zu Ende gedacht. Wie gesagt, ich halte die Autorin für eine sehr intelligente Schreiberin, weshalb mich der Artikel um so mehr stutzig macht.
      Ich möchte mir jedenfalls weder von Männern noch von Frauen diktieren lassen, was denn nun sexy ist und was nicht. Gegen mehr Stil auf den Straßen habe ich hingegen nichts einzuwenden.
    • Anonym
      aber anna, das hab ich noch nicht gehört, für ein harmloses kompliment auf der straße erst gefragt werden zu müssen…
      dieser starre feminismus blockiert euch frauen doch, entspannt euch und hört auf bei nichtigkeiten gleich zu explodieren…das ist nicht sexy
    • Anonym
      es geht ja auch überhaupt nicht um 'ein harmloses kompliment', sondern um das cat calling problem, welches claire dann ja auch doch lieber in burka umgangen hätte.
      nett gemeinte komplimente ja – hinterherpfeifen und blöde zurufe nein. mehr sag ich doch gar nicht..
    • Anonym
      Um das mal an der Wurzel zu packen: Claire hat von einer Frau an den Kopf geworfen bekommen sie sähe "zu gefährlich" aus. Was ist das anderes als zu sagen "wenn du Minirock zu Stiefeln trägst, bist du selbst Schuld wenn Männer dich angreifen". Und ganz ehrlich da bin ich empört und finde Claire's Ansatz super. Denn, ja, jeder sollte sich offen und sicher fühlen, dass zu tragen was sie/er will. und sich darin wohl und sexy fühlen, und ja den oder die vielleicht auch damit beeindrucken, sein Selbstbewusstsein pushen. Und nicht Angst haben, angegriffen zu werden – verbal oder schlimmer. "sexy = sexy" und "gefährlich = gefährlich".
  • Anonym
    "Die Natürlichkeit, die der Deutsche unter den praktischen Aspekten seiner Kleiderwahl gern betont, ist den romanischen Völkern kein Kriterium; darum ihr Entsetzen über die unrasierten Frauenbeine oder Achselhöhlen, die von manchen Deutschen als Beweis der erfolgreichen Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen gefeiert werden. Dazu gehört auch der verbreitete Verzicht auf Make-up und Lippenstift – man spaziere nur einmal, des Kontrastes halber, durch ärmere Viertel Mexico Citys oder São Paulos, um zu beobachten, worauf andere Frauen auch unter erbärmlichen Lebensumständen demonstrativ nicht verzichten. Deutsche Frauen haben offenbar besondere Angst davor, als Sexualobjekt gesehen zu werden, was aber nicht heißt, dass sie deswegen in anderen Bereichen reüssierten. Das Gegenteil ist leider der Fall. Nirgendwo in Europa sind Frauen im Beruf so wenig erfolgreich wie in Deutschland. Möglicherweise verhindert das übermäßige Augenmerk auf die Symbole der Emanzipation die tatsächliche Emanzipation – das nur nebenbei bemerkt."
    Jens Jessen, 29. Januar 2004,Wie man sich in Deutschland kleidet

  • Saskia
    Waaas, ist dir das wirklich passiert? Was hast du geantwortet?

    Zugegeben, in Berlin ist man in Highheels einfach ein Exot, das ist einfach so. Auch ich bin mittlerweile stark von dem berlintypischen, sportlich-minimalistischen Stil geprägt, aber seit Kurzem merke ich auch, dass ich meine Sinnlichkeit nicht leugnen möchte. Ich weiß nur noch nicht genau, wie ich sie zum Ausdruck bringe.

  • Anonym
    Ich finde durchaus, dass sich die Frauen heutzutage sehr körperbetont und sexy anziehen und ihren Körper keineswegs nur in sackähnlichen Gebilden verstecken. Nur die Art wie man sich sexy anzieht hat sich verändert. Diese elegante Sexyness mit rotem Lippenstift, Higheels und einem schönen Kleid mit tiefen Ausschnitt ist fast ausgestorben. Aber was ist mit dem Massenphänomen Leggins querbeet durch alle Gesellschaftsschichten und Köperformen? Ob das immer schön aussieht ist dahingestellt, aber mehr zu zeigen geht ja eigentlich nicht. Es kommt darauf wer es trägt und wie es getragen wird, aber mit der Leggins zieht man definitiv Blicke auf sich. Elegant ist es nicht unbedingt, sexy ja.
  • Der Grundaussage von Claire kann ich nur beipflichten. Sexy ist vielleicht noch nicht tot, aber man fühlt nur noch einen schwachen Puls. Es lässt sich gar nicht so genau sagen, weil Sexyness etwas sehr Subjektives ist: Für die eine fängt sie bei roten Lippen an, für die nächste erst bei einer transparenten Bluse. Jedoch: Ist es nicht allein schon ein Akt guter Manieren, sich Gedanken zu machen, wie man auf Mitmenschen wirkt? Wäre es überhaupt noch Mode, wenn wir uns nicht auch ein klein wenig für die anderen kleiden würden?

    Meine Schwierigkeiten habe ich damit, dass der Forderung nach mehr Weiblichkeit sprachlich das Etikett "feministisch" aufgeklebt wird. Den Begriff Feminismus verbinde ich mit einer blinden Ideologie der Gleichmacherei, die Unterschiede einfach ignoriert oder leugnet – und das ist doch gerade der Punkt, den Claire kritisiert. Eine Geisteshaltung, die verbietet und Vorschriften macht, ist von vorgestern. Kein gebildeter Mann, der auf sein Aussehen achtet, würde sich als Maskulinist bezeichnen – eine ebensolche Frau ist immer gleich eine Feministin. Es ist doch zum Glück heutzutage vollkommen normal und nichts Besonderes mehr, dass Frauen gleichberechtigt sind und deshalb kann frau auch tragen, wonach ihr der Sinn steht, ob nun androgyn oder feminin. In meinen Augen spielt dabei der soziale Druck von Medien, (Mode-)Industrie und anderen Frauen die größere Rolle als das Denken der Männer.

  • liebe claire, ich finde deinen grundansatz erstmal super: ich bin volkommen deiner meinung, dass freiwillig zur schau gestellte sinnlichkeit oder sexyness wieder mehr daseinsberechtigung im aktuellen weiblichkeitsverstaendnis und im heutigen feminismus haben sollte und nicht als unemanzipiert, naiv, frivol oder aehnliches belaechelt und herabgesetzt werden darf. frauen muss es gestattet sein, ihre sinnlichkeit in ihrem lebensalltag erfahren und leben zu koennen, dass ist besonders wichtig in bestimmten entwicklungsstufen. mich freut es sehr, dass du dieses beduerfnis intellektuell durchdringst und dass du dich fuer dein recht auf diesen aspekt deiner weiblichkeit so eloquent einsetzt.
    schade finde ich allerdings, dass du dieses recht nicht nur fuer deine persoenliche vorstellung vom frausein einforderst, sondern gleich einen imperativ draus machst (siehe der schon von deinen intelligenten lesern zurechtgerueckten „schoenheit als wichtigste geheimwaffe“).

    besonders traurig wird es meiner meinung nach, wenn im zuge dieser feministischen rechtfertigung (ja, ich kann emanzipiert, schlau UND SEXY zugleich sein!) andere konzepte von weiblichkeit herabgewertet werden. das ist mir sowohl hier als auch in deinem sexy lindsay lohan artikel http://www.cestclairette.com/2013/12/schon-emanzipiert.html ) aufgefallen.

    durch abwertende beschreibungen der frauen, die deine reaktion ausloesen („ Eine-Welt-Leinenhemd als Putzlappen für die Mensa-Küche“ „Mit ihrer betont nachlässigen Wollmützenaura sieht mir die Sprecherin ihrerseits eher bedingt nach einem Lustobjekt aus“) schlaegst du leider in genau die selbe kerbe, die du selbst kritisierst und es ergibt sich die immergleiche dynamik:
    frau fuehlt sich vom weiblichkeits-konzept einer anderen frau bedroht/kritisiert/nicht ernst genommen und der cat fight beginnt. das hast du ueberhaupt nicht noetig! auch, wenn du im letzten fall echt bloed von der seite angemacht wurdest: kaempf deinen kampf fuer das gute und begib dich nicht auf die gleiche „ich bin eine vollwertigere frau als du“-ebene.

    feminismus hat, wie die individuelle interpretation von weiblichkeit, viele gesichter.
    im kern geht es um gleichberechtigung, keinesfalls um gleichmacherei! das ziel ist es, gesellschaftliche rollenzwaenge aufzuheben und jedem die moeglichkeit zu geben, sich frei nach eigenen vorstellungen zu entfalten , losgeloest von typisch maennlichen/weiblichen rollenvorstellungen. alles kann, nichts muss. dieses zelebrieren von diversitaet fordert natuerlich allen einiges an toleranz ab, da muss jeder an sich selbst arbeiten.

  • der Artikel koennte so gut sein, wenn nicht diese – unglaublich beleidigende, abwertende Sicht einer anderen Frau; "…ungefähr 45-jährigen Studentin zusammen. Meine Gegenüber, mit ungekämmtem Wisch auf dem Kopf und umweltverträglichen mausgrauen Leinen am Leib…" darin wäre. Steh doch mal da drüber (egal wie sie dich angesprochen hat! zumal wie sie aussah ja nichts mit dem, was sie zu dir sagte zu tun hat, also stell dich nicht mit ihr auf eine Stufe indem du dich genauso verhaeltst), sei toleranter, gegenüber Alter, Geschmack etc. – denn ist es nicht das was auch du möchtest, mehr Toleranz, weniger Feindseeligkeit unter Frauen? was auch immer eine Bedingung fuer wirklichen Feminismus ist?
    • Anonym
      1) Schließe mich deinem Kommentar an, liebe Lilliy. Diese Art, Frauen abwertend zu betrachten und zu beschreiben, ist lediglich die andere Seite der selben Medaille. Sexismus ist niemals sexy.
      2) Aber einmal davon abgesehen, liebe Clairette: Obwohl mir einiges in deinem Text sauer aufstößt, finde ich deinen Blog insgesamt toll und lesenswert…
      3) Meiner Meinung nach hat die Sexyness keineswegs abgenommen, nur haben sich ihre Ausdrücke verändert. Genauso wie sich das Schönheitsideal in den letzten 20 Jahren komplett verändert hat (Gott sei dank). Niemand muss mehr großbusig sein. Auch scheint mir, dass gerade Beine zunehmend "out" sind – jedenfalls stellen sich viele Promis/Models betont staksig und krummbeinig auf rote Teppiche. Das sollen nur zwei Beispiele sein… Dafür hat (leider) auf der anderen Seite der Jugendwahn krasse Auswüchse angenommen. Und insofern finde ich es auch ganz okay, wenn 45jährige Studentinnen zur Abwechslung mal in mausgrauem Leinen rumlaufen, anstatt sich als Teeny zu verkleiden oder die Femme Fatale zu geben…
      Liebe Grüße von Ronja (die dieses Thema immer wieder spannend findet)
  • "araber und muellmaenner"??????? das seh ich ja jetzt erst. das geht nicht. kann du nicht etwas weniger abwertend zu anderen menschen sein und weniger pauschalisieren, egal ob sie dir vom alter, der berufsgruppe der nationalität etc etc nicht passen? denn das sagt leider mehr ueber dich als ueber die beschriebenen aus…