Wie wird man eigentlich Stilikone?

 FRAGEN WIR RIHANNA

 © Søren Jepsen/VOGUE.de

Einer der vielen Gründe, warum ich niemals in einer Kleinstadt leben könnte, ist die hohe Dichte an Prominenten, die in den Metropolen dieser Welt unterwegs sind. Berühmte Menschen bewegen sich nun mal häufiger in Berlin als in Bielefeld, und auch wenn (oder vielleicht gerade weil?) ich nie die Bunte lese, bereitet es mir doch immer wieder ein besonderes Vergnügen, einem bekannten Menschen im Original auf der Straße über den Weg zu laufen. Gerade gestern erst saß ich vor meiner Haustür in meinem Lieblingscafé, um an einer mäßig interessanten Präsentation über den Feuilletonroman des 19. Jahrhunderts zu arbeiten. In dieses Café gehe ich immer, wenn im Home-Office mal wieder zu viel Ablenkung lauert, zum Beispiel weil die neue Vogue eingetroffen ist oder mein Mitbewohner in der Küche kocht. Wenn mein Mitbewohner kocht, ist es mit der Konzentration aus und vorbei. Wer einmal unsere Küche gesehen hat, nachdem Monsieur darin gewütet hat, wird mich verstehen.

Aber ich schweife ab. Zurück zum Geschehen:

Ich saß also in meinem Lieblingscafé, hochkonzentriert und motiviert, mich durch nichts und niemanden von meinem Literaturreferat ablenken zu lassen, als plötzlich Supermodel Hanne Gaby Odiele um die Ecke bog, mich scheu anlächelte und sich mit einem Karottensaft am Nebentisch niederließ. Mit der Arbeitsmoral war es ab sofort aus und vorbei, denn ich bin größter Hanne-Gaby-Odiele-Fan, was in erster Linie an ihrem visionären Kleidungsstil liegt. Bei unserer Begegnung im Café trug sie einen Kapuzenpullover mit Weltraum-Print, zerfranste Jeans-Shorts, eine lederne Bauchtasche und Loafer mit Leopardenprint. Die Kombi schien seltsam, brach alle Regeln und war gerade deshalb genial. Hanne Gaby Odiele ist, zusammen mit einigen anderen Figuren aus der Modewelt, meine Lieblingsstilikone.

Nun werden sich 95 Prozent meiner Freunde und Bekannten, die nichts mit der Modeindustrie zu tun haben, wahrscheinlich fragen, wer die Tante überhaupt ist. Hanne wer? Nie gehört. Wer soll das sein: eine Stilikone, die keiner kennt? Außerdem hat doch gerade erst Rihanna den CFDA fashion icon award of the year abgeräumt. Die wiederum ist für meine Begriffe stets schauderhaft gekleidet. Bei besagter Preisverleihung trug sie zum Beispiel ein transparentes Dress mit Strasssteinen, dazu Pelzstola und Glitzermützchen. Sogar die Süddeutsche berichtete.

 © Tommy Ton/style.com

Rihanna ist jetzt also fashion icon. Ich frage mich: wie wird man eigentlich Stilikone? Welche Kriterien muss das modische Vorbild erfüllen? Bei den Modewochen lässt sich abseits der Laufstege seit vielen Saisons das große Streetstyle-Spektakel beobachten.  Das Phänomen ist mittlerweile zu einem professionellen Wirtschaftszweig ausgewachsen, es gibt Fotografen, die von ihren Streetstyle-Fängen leben können und die sogenannten Streetstyle-Stars, die durch ihren großartigen Modestil, eingefangen von Tommy Ton, berühmt geworden sind. Müssten nicht eigentlich all diese wirklich gut gekleideten Frauen, Veronika Heilbrunner, Leandra Medine, Natalie JoosEmmanuelle Alt und eben auch Hanne Gaby Odiele, als wichtigste Stilikonen unserer Zeit ausgezeichnet werden?

Jedenfalls wäre ich liebend gern Hannes BFF (Best Fashionable Friend), um mich nach Lust und Laune an ihrem herrlichen Kleiderschrank bedienen zu dürfen („Hanne, leihst Du mir Deine Bauchtasche? Dafür kriegst Du meinen Jeansrock!“). Nie im Leben würde mich dagegen Rihannas Garderobe anziehen, selbst wenn sie mir zehn Glitzermützchen umsonst schenkte.

Und doch ist das amerikanische Pop-Idol mehr Stilikone als alle Hanne Gaby Odieles, Veronika Heilbrunners, Emmanuelle Alts und Leandra Medines zusammen.

Laut Definition der CFDA-Kommission beruht Rihannas Verdienst als Stilikone auf ihrem „individual style that has made a significant impact on popular culture on an international stage“. Damit reiht sich die Musikerin in die Riege weiterer illustrer Gestalten wie Lady Gaga, Iman und Kate Moss, die ebenfalls als internationale Stilvorbilder ausgezeichnet wurden. An dieser Stelle wird klar: Stilikone sein hat erstaunlich wenig mit Modebewusstsein zu tun. Nämlich gar nichts.

Stilikone wird man nicht dank eines gut sortierten Kleiderschranks, nicht, weil man jeden Tag Business of Fashion liest, weiß, wer Alessandro Dell’Acqua ist und Crêpe de Chine von Chiffon unterscheiden kann. Stilikonen sind nicht intellektuell, sondern begehrt. Das ist der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen Stilikone und Modeikone, zwischen Rihanna und Hanne Gaby Odiele. Als Megastar mit starker Stimme prägt Rihanna eine ganze Generation, beeinflusst unser aktuelles Verständnis von Popkultur, definiert Grenzen und Maßstäbe neu. Wenn sie sich unter transparenter Glitzerhülle vor versammelter Modeprominenz auf die Bühne der CDFA-Preisverleihung wagt, dann nicht deshalb, weil sie sich in diesem Aufzug besonders schick findet. Sondern weil Stilikone sein heißt: lauter, aufregender, radikaler zu sein als alle anderen, und damit auch die Fans, das Volk und die Welt zu inspirieren. Diese Einstellung, diesen Stil kann man mit Mode ausdrücken, aber nicht durch Mode erreichen. Frauen wie Hanne Gaby Odiele sind keine Phänomene der Popkultur. Sie prägen keine Generation, setzen keine Maßstäbe, reißen keine Skandale. Sie wissen, wie man sich modisch interessant und überraschend anzieht, sie wissen, wer Alessandro Dell‘ Acqua ist. Und doch sind sie keine Stilikonen. Ebenso wenig, wie Anna Wintour Wer wird Millionär? moderiert und Heidi Klum ein Modevorbild ist.

Modeikonen, die keine Stilikonen sind: 
Hanne Gaby Odiele (© Sandra Semburg)
© Tommy Ton/style.com
© Tommy Ton/style.com
© Tommy Ton/style.com
© Tommy Ton/style.com
Emmanuelle Alt (© Tommy Ton/style.com)
Emmanuelle Alt (© Tommy Ton/style.com)
Veronika Heilbrunner, Harper’s Bazaar (© AllThePrettyBirds)
© Vanessa Jackman
Leandra Medine (© Tommy Ton/style.com)
Leandra Medine (© The Man Repeller)
Leandra Medine (© The Man Repeller)
  • Ja sehr fragwürdig. Ob es sich um Rhianna handelt oder die meisten hier gezeigten. Diktat und Aussagen, die halt im Inkreis für anbetungswürdig und stylish gehalten werden. Ob in der Bunten oder der Vogue. Wobei ich erstere der zweiten vorziehe, denn die Magermodells sind nun weder Stil noch Ikone aus meiner Sicht.
    Sabina Oceanblue Style
  • Anonym
    Also wenn ich mir diese ausgemergelten Körper und die kantigen Gesichter ansehen muss, dann sehe ich die Klamotten gar nicht mehr. Da sehe ich mir lieber 100 mal eine Rihanna im trashy Glitzerfummel an. Vielleicht macht Stil manchmal doch ein Butterbrot aus.
  • Wie immer, sehr schön geschrieben und ein spannender Gedanke.
  • Claire, ich liebe deine Artikel. Toller Gedankengang!
  • Anonym