Zopfkopf in Flatbush

TEIL 1 DER BRANDNEUEN C'EST-CLAIRETTE-SERIE "ABSEITS NEW YORK"


„You were brave to come here“, sagt Afua und fährt energisch mit der Bürste durch meinen Haarschopf. „You want cornrows? Lucky you I’m here today. None other than me can braid a white girl’s hair.“ Dann macht sie sich mit konzentrierter Miene ans Zöpfeflechten.

Ich sitze in einem Friseursalon in Flatbush, einer Gegend mit niedrigen Häusern und Kabeln über der Straße, gelegen im Süden Brooklyns, keine 20 Minuten von der Brooklyn Bridge entfernt. Aber Manhattan könnte nicht weiter weg sein, wie ein ferner Planet wirkt die glitzernde Insel, wenn man an der Church Avenue aus der Subway steigt. An einer Straßenecke steigt weißer Rauch auf, ein inoffizielles Grillfest, im Dunst leuchtet eine jamaikanische Fahne, zwei junge Männer wenden Chicken Wings auf dem Grillrost. 99-Cent-Shops, Imbissbuden mit speckigen Fensterscheiben, Gourmet Delis, Boutiquen mit exotisch bedruckten Kleidern auf Plastikpuppen im Schaufenster, Autowerkstätten neben pinkfarbenen Markisen, und Barber Shops, soweit das Auge reicht. Hinter jeder zweiten Ladentür werden hier Zöpfe geflochten. Ich bin der einzige weiße Mensch in Flatbush. Wer hat noch mal behauptet, Berlin wäre eine internationale Stadt? Lachhaft. Gegen die ethnische Vielfalt New Yorks ist Berlin das reinste Kuhdorf.

Aber wieso findet Afua, die soeben damit begonnen hat, pechschwarze Kunsthaarsträhnen in meine viel zu dünnen blonden Haare einzuflechten, dass ich mutig war, nach Flatbush zu pilgern? „None of you comes here.“ Ist Flatbush ein Ghetto? Wer ist None of you?

Nach einem Monat in New York habe ich entschieden, den gentrifizierten Gegenden von Manhattan, Williamsburg und Bushwick mal den Rücken zuzukehren und unbekannteres Gebiet auszukundschaften, ein bisschen auf abgelegenen Pfaden zu wandeln. Auf den Straßen von Flatbush fühlt man sich, anders als im West Village oder in Uptown, endlich mal nicht wie in einem amerikanischen Remake von Europa. Ich laufe die Church Avenue hinunter, biege hier und da mal nach links und rechts in eine der von Platanen gesäumten Wohnstraßen ab und habe mich bald hoffnungslos verirrt – was nicht schlimm ist, denn die Sonne scheint und es gibt keinen Anlass zum Gruseln.  Um mich meiner neuen Umgebung ein bisschen anzupassen, beschließe ich, einen African Braiding Shop aufzusuchen. Im Level 1 Beauty Salon mache ich Bekanntschaft mit Afua. Wir plaudern über Braids auf den Laufstegen der Modewelt, wo sich exotische Zopfköpfe seit einigen Saisons als Trend etabliert haben. Aber Braids sind afrikanisches Kulturgut. Darf sich die Modebranche da wirklich so schamlos bedienen? Afua lacht und zerrt zur Bekräftigung an meinen Haaren. „Of course!“ Blöde deutsche Kuh mit ihren dämlichen Fragen, denkt sie wahrscheinlich gerade, grinst aber freundlich und teilt meinen Haarschopf in sechs Teile.

Im Stuhl neben mir sitzt eine pummelige Frau in mittlerem Alter und lässt sich den kupferroten Haarschopf mit viel Öl und Moisturizer in geschmeidige Wellen glätten. Nächstes Mal, also in ungefähr zwei Wochen (Afro-Amerikanerinnen ändern ihre Frisur wie andere Leute ihre Bettwäsche), wolle sie aber auch solche Cornrows haben, sagt sie mit einem Blick auf meinen Kopf, der sich langsam in ein sauber gesätes Maisfeld verwandelt. Auf einem anderen Stuhl sitzt ein etwa fünfjähriges Mädchen mit ernster Miene und lässt sich die Kräuselmähne in hundert kleine Zöpfe flechten. Wie lange dauert das wohl? „Around four to six hours“, informiert mich Afua,“and it costs up to 120 Dollars. Next time?“

Eineinhalb Stunden später trete ich als neuer Mensch und um 40 Dollar ärmer auf die Church Avenue, die jetzt von der tief stehenden Septembersonne in ein staubiges Abendlicht getaucht ist. Mein Gesicht fühlt sich gespannt an, wie geliftet, stramme Braids sind wohl das neue Botox. „This feels pretty tight,“ sage ich, dafür hat meine neue Freundin Afua nur ein lautes Lachen übrig – ich solle froh sein, nicht in Harlem gelandet zu sein, dort würden die Zöpfe so eng geflochten werden, dass man seine Augenbrauen nicht mehr senken könne.

Warum habe ich mir bloß nicht früher Braids flechten lassen? Auf dem Heimweg mache ich in der Subway Bekanntschaft mit drei dunkelhäutigen Jungs, die meine neue Frisur anerkennend von allen Seiten begutachten. Alle meine Freundinnen sind begeistert und wollen jetzt auch einen Zopfkopf. Der größte Vorteil an Braids: man hört auf, über seine Haare nachzudenken. Darin herumwurschteln geht schließlich nicht, die Frisur sitzt für ungefähr eine Woche fest wie angeklebt. Haarewaschen ist auch verboten, und abends soll ich mir eine Strumpfhose um den Kopf knoten, um die Braids vor dem nächtlichen Herumwälzen zu schützen.

Beim abendlichen Laufen über die Williamsburg Bridge fühle ich mich wie Usain Bolt auf seinen 100 Metern, und als ich später in Tribeca ausgehe, wo jede zweite Frau wie eine Hollywood-Schauspielerin aussieht,  ist egal, welches Kleid ich anhabe: die Cornrows auf meinem Kopf stechen ohnehin jede Designergarderobe aus. Warum sind Haare für afrikanische Frauen so wichtig? „That’s simple“, sagt Afua und zuckt mit den Schultern. „You can wear the most amazing dress – if your hair is not done, you will just not look complete.“

Die Hauptstraße von Flatbush ist die Church Avenue. Hier gibt es Braiding Salons wie Sand am Meer. Bei Level 1, 2839 Church Avenue, nach Afua fragen – die weiß, wie man mit europäischen Haarschöpfen umzugehen hat. Bitte auch schöne Grüße von Clairette ausrichten.