Artsy ist jetzt trendy

DIE NEUEN EINE-NASENLÄNGE-VORAUS-KLEIDER AUS NEW YORK UND LONDON

Der graue Betonklotz sieht ein bisschen aus wie eine umgekippte Treppe. Oder wie ein einstmals schön geformtes Stück Knete, aus dem aus Materialmangel nach und nach eine Scheibe herausgeschnitten wurde. Vorn ragt ein dreidimensionales, verglastes Trapez wie eine Furunkel aus der glatten Fassade. Wer dort oben hinter der Glasscheibe steht, hat einen guten Blick auf die Madison Avenue, Ecke 74th Street, Manhattan. Das Gebäude, das bis vor einem halben Jahr das renommierte Whitney Museum of American Art beherbergte, ist selbst ein Kunstwerk für sich. Die kantig-glatte Silhouette mit wohlplatzierten Irritationen, graue Bunkerklotzigkeit inmitten herrschaftlicher Uptown-Fassaden – keinen besseren Ort hätten sich Lazaro Hernandez und Jack McCollough für die Präsentation ihrer neuen Kollektion für Proenza Schouler aussuchen können.

Noch in der letzten Saison schienen die beiden Designer mit ihren gut verkäuflichen Markenzeichen – Lederpatchwork, geschlitzte Röcke, sportliche Kastenjacken – selbst ein bisschen käuflich geworden zu sein. Jetzt, wo die ohnehin häufig spannenderen Kollektionen der Wintersaison gezeigt werden, sind sie zurück mit einer frischen Brise Avantgarde. Inspiriert von wegweisender Gegenwartskunst wie den überdimensionalen Filzlappen von Robert Morris oder den „Tutti-Frutti“-Kuhflecken von Helen Frankenthaler haben sie in Streifen geschnittene graue Mäntel und Röcke aus gekochter Wolle und Persianerfell, Midikleider mit großen Cut-Outs zu großmaschigen Netzstrumpfhosen und in Wolle oder Leder bandagierte Mules entworfen. Vor allem die hochgeschlossenen, transparenten Etuikleider, besetzt mit pelzigen Schulterkappen, Fransenbordüren und schweren Metallringen, scheinen in erster Linie etwas fürs Museum zu sein. Oder für Frauen, die sich gerne als Kunstwerk verkleiden.

© Lea Colombo/Dazed Digital
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Nicht nur bei Proenza Schouler scheint man neuerdings für diesen besonderen Typ von Frau entwerfen zu wollen. Artsy ist das neue trendy, das merkt man auch bei einer Reihe anderer Labels, die gerade ihre Kollektionen in New York und London gezeigt haben. Alexander Wang ist nach einer schwachen Sommerkollektion in dieser Saison wieder konzeptueller und raffinierter geworden. Er präsentierte düstere Gothic-Outfits mit ledernen Rollkragen, nietenbeschlagenen schwarzen Kleidern zu schweren Schnallenstiefeln, dreifach geknöpften und vertikal gezippten Blazern, wellenförmig gesteppten Satinmänteln und Kleidern mit asymmetrischem Metallfransensaum. Der Look ist eine aufregende Mischung aus mystischem Underground und frostigem Futurismus. Wohlfühlmode sieht anders aus.

© Lea Colombo/Dazed Digital 
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Charmanter geht es bei Rosie Assoulin zu. Ihre Kleider wirken auf den ersten Blick puristisch, dabei offenbaren sie bei näherer Betrachtung reizvolle, selbstbewusst feminine Details – geometrische Rückenausschnitte, locker gebundene Schleifen an Hälsen und Oberarmen, große Blumenohrringe. Es ist der neue Galeristen-Chic, ein Look für anmutige Frauen mit feinem Gespür für Extravaganz und Zeitlosigkeit gleichermaßen. Ein besonderes Highlight sind die abendtauglichen Ensembles: zum Beispiel ein grasgrüner Look aus bodenlangem, halb aufgeknöpftem Kleid zur gleichfarbigen Bügelfaltenhose und weißer Hawaiiblume hinterm Ohr. Die Kombination aus blütenkelchförmig aufspringendem Rock und passendem Top hätte auch auf dem Teppich der Oscarverleihung gut ausgesehen.

Aber die Handvoll New Yorker Modemacher, die sich mit zukunftsorientierten Entwürfen immer stärker vom typisch amerikanischen Kommerzstil à la Michael Kors und Tommy Hilfiger abzuheben versuchen, wollen eben keine Hollywoodsternchen und deren Anhängerschaft anziehen – sondern einen besonderen Schlag von Frau, der mehr verlangt als nur gut auszusehen. „Artsy“ Mode will einen besonderen Anspruch und Intellekt der Trägerin vermitteln. Es sind Kleider, die nicht unbedingt auf den ersten Blick verständlich sind und der Frau, die sie anzieht, deshalb einen gewissen Mythos verleihen. Die artsy Frau will aussehen, als sei sie ihrer Zeit voraus. Und sie will Mode tragen, die nicht innerhalb weniger Monate von den High-Street-Ketten kopiert werden und damit schnell zum massentauglichen Fußgängerzonentrend mutieren kann.

Spitzenreiter dieser neuen Eine-Nasenlänge-Voraus-Mode ist und bleibt der Brite J.W.Anderson – selbst wenn er sich in der aktuellen Saison von der Vergangenheit inspirieren ließ, nämlich vom Esprit des wilden 80er-Jahre-Berlins. „Für diese Kollektion haben wir viel über die Geschichte der Stadt recherchiert“, erzählt der Designer nach der Show, „über den Fall der Mauer, die neu entdeckte Freiheit, die wilden Partymädchen dieser Zeit. Ich mochte ihre individuellen Looks.“ Daraus sei ein regelrechtes „smashup“ unterschiedlichster Texturen entstanden, so Anderson. Smashup, zu Deutsch Karambolage: das trifft die Optik dieser Entwürfe auf den Punkt. Weite Wollpullover mit Farbspritzern zu grünen Cordhosen, von Metallfäden durchwirkte Blusen mit breiten Schulterkappen, voluminös drapierte Lederkleider mit Keulenärmeln und seitlicher Gürtelschnalle, eine Strickjacke mit Raubkatzendruck über braun gestreiftem Rollkragenpullover, links ein dreieckiger, rechts ein runder Ohrring, und an den Füßen geraffte Lederstiefel in Gelb, Rot oder Weiß – um guten Geschmack macht Jonathan Anderson bekanntlich gern einen Bogen. Seine Entwürfe spiegeln die Aufbruchsstimmung der Achtziger Jahre und die Lust an der Provokation, die in dieser Zeit zum guten Ton gehörte, deutlich wieder. Aufgewärmt ist dabei gar nichts: es sind schließlich nicht die Kleider, sondern diese gewisse „anything could happen“-Mentalität, die Anderson in die Gegenwart herübergerettet hat.

© Lea Colombo/Dazed Digital 
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Genau wie Proenza Schouler zeigt auch der Londoner Modeschöpfer Christopher Kane seine Entwürfe gleich dort, wo sie in ein paar Jahrzehnten vermutlich wieder landen werden: im Museum, genauer in der Turbine Hall der Tate Modern. Scharf geschnittene schwarze Anzüge mit feuerroten Reverskragen, Scherenschnitte nackter Frauenkörper auf schmalen Etuikleidern, transparente Organzaroben mit fein aufgestickten schwarzen und violetten Linien, die bei näherer Betrachtung die Umrisslinien von Brüsten und Beinen ergeben (die Körperzeichnungen wurden in Aktmalerei-Sessions im Atelier des Designers exklusiv für die Kollektion angefertigt), rote Blütenspitze zu schillernden Pailletten, ein kastig geschnittener Mantel, dessen Zackenprint der Designer selbst als visualisierten „electric orgasm“ bezeichnet hat – das ist weibliche Sinnlichkeit in tragbare Kunst übersetzt. Um so viele Ecken muss man erstmal denken können. Bis Kanes Entwürfe reif für die Vitrinen sind, werden sie aber hoffentlich erst den Weg in viele Kleiderschränke finden. Denn das gelingt dem vielleicht genialsten Modeschöpfer der Londoner Szene allsaisonal mit größter Bravur: aus kunstvoller Abstraktion etwas absolut Tragbares und Begehrenswertes zu machen.

© Lea Colombo/Dazed Digital 
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via style.com
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Damit steht er bei der britischen Modewoche allerdings nicht alleine da. Im kommerziellen New York stechen Proenza Schouler in dieser Saison deutlich heraus, in London muss sich ein Genie wie Kane dagegen mit zahlreichen weiteren Wunderkindern messen. Auch Jonathan Saunders bezieht sich in seiner neuen Kollektion auf die Kunst: für seine farbenfrohen, grafisch bedruckten Kleider, A-Linienröcke und geometrisch gemusterten Rollkragenpullover ließ sich Saunders von den Werken britischer Künstler wie Bridget Riley oder Allen Jones inspirieren. Der Einfluss von letzterem, bekannt für Couchtische und Sessel aus knienden oder liegenden Domina-Figuren, ist wohl in den hochgeschnürten Overknee-Stiefeln zu erkennen, die der Designer gekonnt mit den femininen Silhouetten und ironisch-exzentrischen Sonnenbrillen im Stil der Sechziger Jahre kombiniert.

© Philip Trengove/Dazed Digital
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Einen Laufsteg aus rosa Schaumstoff hat sich dagegen Mary Katrantzou als Bühne für ihre kontraststarken und dabei wundersam harmonischen Entwürfe ausgedacht. Die Kollektion ist inspiriert von der Opulenz des viktorianischen Zeitalters: kurze Trägerkleider und kelchförmig aufspringende, teils doppelt geschichtete Rockvolants sind mit üppigen Ornamenten in Bonbonrosa, Korallrot, Gelb oder Azurblau bedruckt, dazu gibt es gerüschte Kragen aus farbigem Plastik, breite Gürtel in Waffeloptik und blumenbedruckte Fellmäntel mit applizierten, wabenförmigen Kunststoffpailletten am Saum. So extravagant die gegensätzlichen Texturen, so minimalistisch die Silhouetten: „In Bezug auf Textilien und Applikationen bin ich Maximalistin“, erklärt Mary Katrantzou. “Meine Schnitte aber sind ganz puristisch.“ Ein raffinierter Kniff: denn die schlichten Formen lassen solch ein technicolor-buntes Ornament-Kleid mit Kunststoffvolant und passender Schaumstoff-Clutch plötzlich ganz selbstverständlich wirken. Insofern haben Katrantzous Entwürfe dann auch nichts mehr mit dem 19. Jahrhundert gemein. Plastik ist das neue Duchesse Satin. Das gefällt der artsy Kundschaft.

© Philip Trengove/Dazed Digital 
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Mode ist ein  Feld geworden, in dem heute jeder mitmischen will – tausende von Designern, Kundinnen aus sämtlichen Gesellschaftsschichten. Originalität wird zu einem exklusiven Gut. Das zeigt auch der Schauenplan der New York Fashion Week, den Angelo Flaccavento in einem kritischen Beitrag auf Business of Fashion mit mehreren hundert Schauen als vollkommen überfüllt bezeichnet hat. Alle wollen dabei sein, aber die wenigsten haben wirklich etwas zu sagen. Tragbare, kommerzielle Entwürfe allein reichen nicht, um ins Blickfeld einer immer anspruchsvoller werdenden Kundschaft zu rücken. Die artsy Frau, die in den Zwirnen von Proenza Schouler und Rosie Assoulin, J.W.Anderson und Christopher Kane herumläuft, will sich bewusst von der gleichförmig rotierenden Trendmühle der Modewelt abheben – mit Kleidern, die einen aussehen lassen sollen, als kenne man sich besser aus als alle anderen. Und in denen man aus der modischen Masse heraussticht wie ein grauer Betonklotz auf der Upper East Side.

Noch mehr artsy Mode aus London: 
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  • Susanna
    artsy ist nicht nur modisch gesehen gerade sowas von trendy. hier in berlin gehen alle nur noch auf openings. die neue möglichkeit sich vom pöbel abzuheben, wo sich sonst durch diverse musikgeschmäcker abgehoben wurde, denn musikströmungen haben sich ja so gut wie aufgehoben.