Federn am Montag

WARUM SONNTAGSKLEIDER NUR AM SONNTAG TRAGEN?

Erinnert sich noch einer an Lotta aus der Krachmacherstraße? Lotta war mein erstes Stilidol. In einer Geschichte wacht sie eines Morgens mit dem dringenden Bedürfnis auf, ihr schönes Sonntagskleid aus Samt anzuziehen. Mutti ist dagegen, Lotta soll einen Wollpullover tragen. Dabei hat das arme Kind schlecht geträumt, und wie jede Stilikone weiß, hilft gegen alptraumbedingte Griesgrämigkeit nur eines: ein dramatisches Outfit.

Allerdings muss ich nicht mal mies geschlafen haben, um Lottas Empfinden absolut nachvollziehen zu können. Schon seit Jahren frage ich mich, wieso man seine schönsten Kleider eigentlich nur für seltene Gelegenheiten wie Sonntage, Opernbesuche, Hochzeiten und Abendessen im Borchardt aufheben soll. Warum darf man an einem gewöhnlichen Montagmorgen kein Samtkleid tragen? Wie unwirtschaftlich ist das denn: für eine Sonntagsrobe von Stella McCartney 3895€ ausgeben und sie dann nur 52 Tage im Jahr anziehen dürfen? Ich habe versucht, den ökonomischen Schaden einer derartigen Limitierung auszurechnen und bin kläglich gescheitert. So viel steht fest: vorhandene Ressourcen ungenutzt zu lagern ist ein kapitales Vergehen. Man lebt nur einmal. „Money in the bank is a crime“ sagt mein Großvater immer, und ganz so halte ich es mit meinen Sonntagskleidern. Ich ziehe sie jeden Tag an. Alles andere wäre ein Verbrechen.

Neulich habe ich an einem stinknormalen Montag einen schönen schwarzen Blazer mit Federsaum von Tibi übergeworfen, Kaffee gekocht und mich dann auf den Weg ins Büro gemacht. Den ganzen Tag über wurde ich von verschiedenen Leuten mit Fragen wie „Gehst Du heute noch ins Theater?“ oder „Zu welcher Oscar-Verleihung bist Du denn unterwegs?“ genervt. Dabei hatte ich die Federjacke mit Bedacht zu Levi’s-Jeans und Sweatshirt kombiniert. So etwas fällt den meisten Menschen aber gar nicht auf. Sie sehen nur irgendwas mit Fransen, Federn, Pailletten, in Schwarz oder mit Absatz, also etwas, dass keine Jogginghose oder Kapuzenjacke ist, und schon schrillen alle Alarmglocken: da hat sich jemand schick gemacht! Hilfe!

Der Umstand, dass solchen Outfits häufig mit einem Unterton von abschätzigem Unverständnis und erstauntem Misstrauen begegnet wird, nährt die Vermutung, dass sich viele Leute von schick gekleideten Menschen bedroht fühlen. Eine Frau in einem Federblazer sieht wahrscheinlich so aus, als hätte sie gerade was ganz Tolles vor, wozu man leider selbst nicht eingeladen ist. Der Unmut über dieses vermeintliche Nicht-Dabeisein-Dürfen sorgt bei den Leuten für ein Gefühl der Bedrohung.

Dabei bin ich doch gar nicht auf dem Weg zur Oscar-Verleihung. Ich gehe bloß schnell zum Zahnarzt! Aber Kleider machen Leute und Federblazer machen Powerfrauen. Ich bin keine Powerfrau, aber ich will gerne so aussehen. Also trage ich mein Sonntagskleid an einem Montag, fühle mich darin großartig und unbesiegbar wie Cleopatra und lasse die Leute von mir aus gerne in dem Glauben, mein Alltag sei aufregender als ihrer. Dazu ist tolle Mode doch schließlich da: jeden Zahnarzttermin zu einem Erlebnis zu machen.











Alle Bilder: Charlotte Fassler für The Man Repeller

1. Outfit: Sonntagsblazer und Top mit Federsaum (unterm Pullover getragen) von Tibi. Graues Sweatshirt von Peter Jensen. Jeans von Levi’s. Glitzerpumps Vintage. 
2. Outfit: Dunkelblauer Pullover von Acne Studios. Hellblaues Sonntagskleid von Topshop Unique. Schwarze Stiefeletten von Kenzo
3. Outfit: Dunkelblaues Sonntagskleid und kurze Sonntagstweedjacke von Roma e Toska. Schwarzer Doppelreiher von St. Emile. Graue Hose von COS. Sonntags-Pumps von Charlotte Olympia. Wollmütze von Omi. 
  • Anonym
    Schöne Montagslektüre!
  • Ich habe Montage nie sonderlich gemocht und da hilft – zumindest für Stilbesessene – in der Tat nur eines, sich "aufzubrezeln". Was das Anstarren betrifft, daran muss man sich wohl in Deutschland gewöhnen, selbst abends im Theater. But who cares? Besten Dank für diese wie immer sehr lesenswerte Stillektüre (www.blog.style-nouveau.com).
  • Liebe Claire,
    ich bin in der Regel stille Leserin deines Blogs, aber mit diesem Artikel sprichst du mir so aus der Seele, dass ich mich unbedingt zu Wort melden möchte.

    "Du siehst aber schick aus" – das höre ich oft und das vermeintliche Kompliment klingt häufig fast eher nach Anklage, in die Richtung "du bist ja koppelt überzogen aufgetakelt, was soll denn das, trallala".
    Meine Reaktion war bis vor ein paar Jahren tatsächlich eine gewisse Verschüchterung und Unsicherheit, und ja, ich habe sogar fabelhafte Outfit-Ideen verworfen, weil ich schon die Stimmen habe laut werden hören a lá "Um Himmels Willen, wie übertrieben und unangebracht ist das denn?!"

    Vor einigen Jahren (als mein Selbstbewusstsein meinem Stilgefühl nachgewachsen war) habe ich beschlossen das vermeintliche Kompliment, als ehrlich anzusehen und einem strahlenden Lächeln und einem zuckersüßen "Danke" zu quittieren. Klingt nach Selbstbetrug, ist es zu Beginn vielleicht auch, aber es wirkt Wunder. Vor allem nimmt man eventuellen Kritikern und Miesepetern damit den Wind aus den Segeln und gute Laune ist für solche Mitmenschen ja sowieso entweder ansteckend oder man vertreibt sie damit – beides lässt einen in munterer Gesellschaft zurück und mit dem sicheren Wissen, dass sich dieses Outfit gelohnt hat.

    Zusammengefasst – danke liebe Claire, das war wunderbar!

  • Super! Genau! Das sollte jede/r viel öfter tun – mich eingeschlossen. Wenn, dann trage ich solche Kombis leider nur »draußen« und ziehe mich zu Hause schnell wieder um: Um den Federschmuck (oder dergleichen fragiles) noch lange an der Garderobe zu haben und nicht auf der Couch (wo ich mich dann doch häufig aufhalte) … Ich bewundere Menschen, die zu Hause so edel und knitterfrei gekleidet sind wie »on the road«.