Der Mann und die weiße Hose

WO LIEGT DA EIGENTLICH GENAU DAS PROBLEM? 

Bald ist Sommer und Mann hat schon wieder nichts zum Anziehen. Es ist jedes Jahr der gleiche Streit darüber, was Männer bei Temperaturen über 20 Grad denn nun tragen dürfen und was nicht. Das liegt keinesfalls daran, dass sich in der Herrenmode nichts tut. Ganz im Gegenteil: ich bin jetzt schon gespannt wie ein Flitzebogen, was bei den anstehenden Männermodenschauen in London und Mailand wohl wieder an geblümten Hemden, gemusterten Doppelreihern und knöchellangen Punkmänteln über die Laufstege laufen wird. Aber das Problem ist, dass sich viele Männer mit der Mode eben immer noch ziemlich schwer tun. Die meisten Herren, die ich so kenne, interessieren sich nicht für Trends. Sie begeistern sich nicht für J.W. Anderson und lassen sich von keinem Raf Simons auf der Welt vorschreiben, was sie anzuziehen haben. Wenn es um Kleidung geht, sind Männer weitaus skeptischer als wir zu modischer Hysterie – „Hast Du die neuen Mules von Sophia Webster gesehen? Die MUSS ich haben!“ – geneigten Frauen.

Kommt der Sommer, beschäftigt sich Mann also nicht mit Louis Vuitton’s neuen Seidenblousons, sondern mit so schlichten wie universal relevanten Big-Picture-Fragen. Wo bekomme ich ein neues Polohemd her? Darf ich kurze Hosen tragen? Sind Socken in den Schuhen erlaubt? Wie bekämpfe ich wirkungsvoll den Achselschweiß?  Und wenn ich mich gegen Bermudas entschieden habe: wie steht es dann mit weißen Hosen?

Die weiße Hose für den Mann ist eines von jenen ungelösten Rätseln der Herrenbekleidung, über das sich die Leute so gerne streiten wie über die Frage, ob man Entrecôte mit Ketchup essen darf oder nicht. Einige lieben es, andere halten es für unanständig. Rein technisch betrachtet spricht nichts dagegen, ein gutes Stück Fleisch in Ketchup zu tunken und als Mann im Sommer in weißen Hosen herumzulaufen. Aber hier geht es nicht um Technik, sondern um Codes. Tatsächlich gibt es wenige Kleidungsstücke, die mit so vielen unterschiedlichen Assoziationen behaftet sind wie die weiße Hose für den Mann.

Das Image der weißen Männerhose mutiert mit ihrem wandelnden Umfeld. Am Strand von Long Island ist die weiße Leinenhose eine fabelhafter Anblick, sie symbolisiert Entspanntheit, ohne nachlässig zu wirken, ist stilvoller als Shorts und luftiger als Jeans. Aber gerade deshalb bin ich auch sehr froh, dass mein Bankberater keine weißen Hosen trägt, wenn ich ihn zum Anlagegespräch treffe. Der Mann soll sich gefälligst konzentrieren, nicht entspannen. Gehe ich wiederum zum Zahnarzt, trägt Herr Doktor selbstverständlich eine weiße Hose, das war schon immer so. Einem Mann, der mir in Blue Jeans eine prophylaktische Zahnreinigung verpassen will, würde ich nicht über den Weg trauen, das wäre ja unhygienisch. Geht dieser Mann in seiner weißen Hose raus auf die Straße, werde ich allerdings gleich wieder misstrauisch. Was will dieser schmierige Macho von mir? Sofort werden Erinnerungen wach: an Udo Jürgens, der einmal im weißen Anzug an einem transparenten Flügel performte, an Costa Cordalis, wie er sich in weißen Hosen vorm Sonnenuntergang räkelt, an den italienischen Gauner, der in weißen Jeans und mit Pilotenbrille schmachtende Mädchenherzen bricht. Hier hat die weiße Hose nichts von Entspanntheit, stattdessen wirkt sie unangenehm aufdringlich. Wir sehen: die weiße Männerhose ist Opfer der denkbar schlimmsten Klischee-Zuweisungen geworden. Warum eigentlich?

Weiße Kleidung im Allgemeinen wird prinzipiell eher mit Weiblichkeit assoziiert. Die Braut trägt Weiß, der Bräutigam Schwarz. Während Frauen dem Klischee nach sanften Indoor-Beschäftigungen nachgehen, präsentiert sich der Mann vorzugsweise als Jäger und Holzhacker, der bei der Jagd nach Futter auch mal durch Unterholz springen und Schlamm waten muss. Bei diesen Aktivitäten ist eine weiße Hose natürlich denkbar unpraktisch. Dementsprechend wirkt ein Mann in weißen Hosen nicht gerade so, als könne er Mammute erlegen und Bäume fällen. Ein Mann in weißen Hosen ist einer, der genug Zeit hat, alle fünf Tage zur Reinigung zu gehen und sich verstärkt um sein Äußeres Gedanken zu machen. Er ist eitel. Das sind tatsächlich viele Männer, aber kaum einer will es zugeben. Deshalb tragen die meisten von ihnen ausgewaschene Jeans und alte T-Shirts und halten sich tunlichst von weißen Hosen fern. Die weiße Männerhose hat ein richtiges Image-Problem.


Bilder: T Magazine
Dieser Umstand allerdings zeigt, wie sehr die Herrenmode der Damenbekleidung doch noch hinterher hinkt. Frauenmode bewegt sich heute längst nicht mehr in festgefahrenen Strukturen. Lacklederstiefel werden nicht mehr nur mit dem Rotlichtmilieu assoziiert, man sieht sie auch auf dem Haute-Couture-Laufsteg von Dior. Chanel zeigt Kleider mit regenbogenbuntem Farbverlauf, wie man sie früher nur in ökologisch korrekten Batikkursen erwartet hätte. Während sich Frauen in der Mode heutzutage alles erlauben, beweisen misstrauisch beäugte Kleidungsstücke wie die weiße Herrenhose, wie sich der Mann beim Anziehen immer noch selbst blockiert. Er hat solch eine Angst davor, missverstanden zu werden, dass er immer lieber auf Nummer sicher geht. Dabei gibt es, hat man die Bilder von Udo Jürgens und Costa Cordalis einmal erfolgreich aus seinem Gehirn verbannt, tatsächlich wenig, was den Mann im Sommer stilvoller aussehen lässt als eine weiße Herrenhose. Ein Mann in weißen Hosen weiß, wie man der Hitze trotzt, ohne sich gehen zu lassen.
Gerade die Entwürfe von Umit Benan zeigen aber auch, dass der Mann die weiße Hose vielleicht einfach mit etwas mehr Ironie tragen muss – so wie auch Frauen nicht immer alles, was sie anziehen, todernst meinen. Elvis trug weiße Hosen beim Motorradfahren, in den Sechzigern liefen die Mods in weißen Hosen zu gestreiften Jacken herum, die wilden Bohemians im East Village der 70er Jahre kombinierten weiße Jeans zu schwarzen Mänteln. Hier ist die weiße Männerhose Ausdruck von Unbeschwertheit und Exzentrik – und erscheint damit befreit von jeglichen Kontexten und Konventionen. Am Ende ist eine weiße Hose schließlich auch nichts anderes als: eine weiße Hose.Das beweisen auch die Kreationen des türkischen Designers Umit Benan, der in dieser Saison die schönsten weißen Hosen im Angebot hat. Zu luftig geschnittenen Beinkleidern trägt man, das lernen wir hier, am besten weiße Turnschuhe, Grobstrickpullover oder weiße Doppelreiher. Die Männer in diesen Outfits sehen keinesfalls aus, als hätten sie das Jagen und Holzhacken verlernt. Tatsächlich kommen sie gerade vom Sport, die Kollektion heißt nämlich Tennis Club de Cartagena. Zudem hat weiße Kleidung im orientalischen Raum ja ohnehin einen ganz anderen Status: helle Hemden und Hosen sind hier in erster Linie funktionell, denn sie reflektieren das Licht und zeigen keine Schweißflecken. In vielen arabischen Ländern laufen die Männer in weißen Leinengewändern namens Djellaba herum, und wenn sie dazu noch Turban, Bart und Sonnenbrille tragen, ist der Eindruck, man habe es hier mit eitlen Gockeln zu tun, schnell vergessen.

Umit Benan Spring 2015, Bilder über style.com

  • lihabiboun
    Kaum hatte ich Ihr Traktat vom Mann in der weißen Hose gestern gelesen, als ich beim nachhause-Radeln in der Maximiliansstraße einem schwarzen Ferrari begegne (sowas passiert hier schon gerne mal) und was trägt der Herr? Einen weißen Anzug – und das sah dann echt nicht cool aus, sondern … NO COMMENT. Hab ich an Sie gedacht.
  • Anastasia
    Ich finde die Entwürfe von Umit Benan wirklich gelungen. Das würde ich doch glatt gut finden, würde ich sie auf der Straße zu Gesicht bekommen.
    Und jetzt widme ich mich weiter meiner sanften Indoorbeschäftigung. Was für ein Wortspiel, ich habe sehr gelacht! Fantastisch, liebe Clairette, danke dafür. Der Kaffee schmeckt jetzt gleich besser!