Würden Sie ein Kleid mit einem Penis anziehen?

AUFFALLEN MIT GANZ NATÜRLICHEN MITTELN


Am Montagabend war Met Gala in New York, das ist eine von diesen Veranstaltungen, bei denen es offiziell um Kultur geht – in diesem Fall die Eröffnung einer Ausstellung – sich inoffiziell aber kein Hans um die ausgestellte Kunst schert, weil vor der Tür des Veranstaltungsortes ein roter Teppich liegt. Wo ein roter Teppich liegt, kann man die Kultur vergessen. Prominente gehen nicht zu Ausstellungseröffnungen, weil sie so wild darauf sind, in Museumsvitrinen zu spähen. Sie wollen selbst erspäht werden. Auf dem roten Teppich geht es um Show, um Geltungssucht, es ist ein Wettstreit der großen Narzissten der Welt.

Die Met Gala ist eine Art G7-Gipfel der Modewelt. Was zieht man da an? Die Branche gilt bekanntlich als Haifischbecken der Avantgardisten. Da kann man nicht einfach im schwarzen Cocktailkleid auflaufen. Anna Wintour lädt ein, die mag keinen Purismus, die will, dass es funkelt, sonst gibt’s Ärger. Nun sollte man doch annehmen, dass bei ausgerechnet dieser Veranstaltung, einer Art Oscar-Verleihung der Modewelt, nur atemberaubend schön gekleidete Menschen unterwegs gewesen sein müssen.

Das Gegenteil war der Fall. Auch bei der diesjährigen Met Gala gab es mal wieder ziemlich viele Leute zu sehen, die nicht bloß auffällig, sondern vor allem ziemlich geschmacklos angezogen waren. Auffallen ist heute schwierig, weil ja eigentlich alles und jeder schon mal aufgefallen ist. Überraschungseffekte bleiben aus, also greifen die Leute ohne Rücksicht auf Verluste zu drastischen, sprich abscheulichen Mitteln. Rihannas dottergelbe Verirrung aus Pelz und Brokatschleppe wurde von der Boulevardpresse bereits ganz treffend als tragbares Omelette gedeutet, Sarah Jessica Parker trug die Deckenbeleuchtung ihres bevorzugten China-Restaurants als Kopfputz und Miley Cyrus eine Art Ritterrüstung mit Aussparungen. All das sieht nach viel Aufwand aus. Tatsächlich ist es vor allem ein hysterischer Wettbewerb: mal sehen, wer am lautesten schreien kann. Die allerwenigsten Met-Gala-Gäste machen sich die Mühe, wirklich kreativ zu werden und sich etwas auszudenken, das originell ist und gleichzeitig selbstverständlich, authentisch, um nicht zu sagen: von ganz natürlicher Eleganz. Schaut man auf den roten Teppich der Met Gala, dann bekommt man den Eindruck, die natürliche Eleganz sei eines der letzten ungelösten Rätsel der Modewelt.

Aber eine hat es doch hinbekommen. Sie heißt FKA Twigs, ist R&B-Musikerin und trug am Montagabend eine Kreation des britischen Modeschöpfers Christopher Kane. Es war ein Kleid aus ineinander verschlungenen Körperteilen, eine Massenorgie als Spitzenrobe. Auf der linken Rockseite spreizte sich das Kleid zu einem tiefen Schlitz zwischen zwei Männerbeinen, und dort, wo diese Beine wenige Zentimeter unterhalb von Frau Twigs‘ Beckenregion zusammenliefen, war eine schwarz umrandete Penis-Abbildung zu sehen. Man musste genau hinschauen, um zu verstehen, was die Frau da eigentlich anhatte; gleichzeitig trug sie es mit einer Lässigkeit und Selbstverständlichkeit, die Kim Kardashian und Rihanna grau aussehen ließ. Kein Wunder: was gibt es Selbstverständlicheres, als ein Kleid aus menschlicher Anatomie anzuziehen? Die Idee ist so naheliegend, dass sie wieder genial ist.

Warum sind wir da nicht früher drauf gekommen? Tatsächlich scheint die Stilisierung erotischer Körperorgane genau jener Hauch von Pepp zu sein, den die mittlerweile doch etwas eingerostete Modewelt so bitter nötig hat. Dabei ist Christopher Kane nicht der einzige Designer, der private Körperregionen als Muster für Kleider und Röcke für sich entdeckt hat. Acne Studios zeigte in seiner Sommerkollektion Seidenblusen und Bustierkleider mit Pobacken-Print. Das französische Label G Kero Paris bedruckt Hemden und T-Shirts mit Liebespaaren in diversen Sexpositionen. Die Idee ist innovativ und pfiffig, ohne gewollt zu wirken: schließlich beziehen sich all diese Kreationen auf den menschlichen Körper, also die Natur. Zwischen kommerziellem Purismus und geschmacklosem Geiern nach Aufmerksamkeit eröffnet sich damit eine ganz neue Stilrichtung: die der natürlichen, quasi gottgegebenen Extravaganz.

Ich finde das Thema so faszinierend, dass ich dazu am liebsten gleich Feldforschung in der Fußgängerzone betreiben möchte: „Würden Sie ein Kleid mit einem Penis darauf anziehen?“ Die meisten Leute werden im ersten Moment wahrscheinlich mit Nein antworten. Zu obszön. Dann werde ich sie bitten, ihre Meinung noch einmal genau zu überdenken, und am Ende werden wir uns darauf einigen, dass diese Kleider mit Abbildungen von Penissen und Pobacken und Kamasutra-Positionen tatsächlich der wahre Gipfel der Modekunst sind. Aktmalerei zum Anziehen sozusagen – genau das, was der Modewelt gerade noch gefehlt hat.

Headerbild: © Evan Agostini/Associated Press

Acne Studios S/S 2015
Acne Studios S/S 2015
G Kero Paris
G Kero Paris
G Kero Paris