Macht Mode narzisstisch?

ODER NARZISSMUS MODISCH?

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Ich besitze kein weißes T-Shirt. Neulich fiel es mir auf: ich wollte ein Paar roter Seidenshorts mit weißen Herzen darauf anziehen. Dazu, dachte ich, würde doch so ein schönes weißes T-Shirt passen, wie es alle Frauen stapelweise in ihren Schränken horten. Aber ich fand kein weißes T-Shirt. Also zog ich kurzerhand eine Bluse mit gerüschten Ärmeln über und setzte dazu eine große Sonnenbrille auf. Reiner Zufall: eben hatte ich noch in ein unauffälliges Basic schlüpfen wollen, jetzt sah ich schon wieder aus wie eine Figur aus einer Disney-Sendung. Irgendwas läuft hier falsch, dachte ich: warum zum Teufel habe ich kein weißes T-Shirt im Schrank?

Als Karl Lagerfeld Jogginghosen auf den Laufsteg schickte und Normcore modern wurde, dieser Look aus grauem Sweatshirt und Turnschuhen, der gar kein Look sein will, da stand ich schon grübelnd vorm Kleiderschrank: Wieso Clairette, fragte ich, hast Du eigentlich keine Jogginghose? So ein Modell, in das man abends zur Entspannung hineinschlüpft, um darin abzuschalten und sich von der Pflicht zu erholen, permanent adrett aussehen zu müssen? Ein derartiges Kleidungsstück besitze ich nicht, ebenso wenig wie ein weißes T-Shirt. Dubios.

„Du hast kein weißes T-Shirt?“ fragte mich Freundin E. entgeistert, als ich ihr neulich von meiner Garderoben-Analyse berichtete. „Nein“, sagte ich und wusste plötzlich auch wieso, „ich sehe nicht ein, für etwas so Banales Geld auszugeben. Ich spare lieber auf exzentrische Teile. Je aufregender ein Stück, desto eher bin ich bereit, dafür viel zu bezahlen.“ Ich habe mich in New York für ein asymmetrisches, gefranstes Jeanstop in den Ruin gekauft und mir mal mitten im tiefsten Winter für ein kleines Vermögen schwarz-weiße Loafer mit Fransen und Ledersohle zugelegt. Im Januar friere ich lieber in meinem himmelblauen Mantel, als einen warmen, aber unscheinbaren Anorak anzuziehen. Auf Gartenparties habe ich mir schon die Rückennerven verkühlt, weil ich partout keine Jacke über mein pinkfarbenes Kleid ziehen wollte.

Ähnliche Attitüden lassen sich auch bei den Schauenbesucherinnen der Fashion Weeks in New York und Paris beobachten. Bei Schneesturm verzichten sie bereitwillig auf Strumpfhosen, weil nackte Beine ja besser zum gestreiften Rock passen. Sie opfern die Funktionalität gerne der Form, denn das ist das Prinzip der Mode: es geht nicht um Praktikabilität, sondern um Erscheinung. Darum, ein besonderes Bild von sich zu zeichnen und zu präsentieren.

Genau das ist aber auch der Aspekt der Mode, der modische Menschen so angreifbar macht: uns wird vorgeworfen, narzisstisch zu sein. Modische Menschen investieren lieber in ein extravagantes orangefarbenes Kleid als in ein schlichtes weißes T-Shirt, weil sie in ersterem eher gesehen und bewundert werden – so die Annahme. Ich bin eine Narzisstin, weil ich mich intensiv mit meiner eigenen Erscheinung beschäftige und weil ich nach Kräften dafür sorge, dass alle anderen Leute von dieser Erscheinung auch möglichst viel mitbekommen. Die Frage ist bloß: was war zuerst da, die Mode oder der Narzissmus? Macht Mode narzisstisch? Oder muss man Narzisstin sein, um überhaupt erst damit anzufangen, sich für Mode zu interessieren? Und: ist Narzissmus wirklich etwas Schlimmes?

Je modischer ein Kleidungsstück, desto auffälliger ist es. Ein kleiner Auszug aus den aktuellen Resort-Kollektionen: Gucci hat rote und blaue Seidenroben mit prachtvollen Stickereien und blumigen Halskrausen entworfen, J.W. Anderson Lederstiefel mit Volant, Stella McCartney einen mit bunten Blumensträußen bewachsenen Hosenanzug, Christopher Kane ein aus lauter roten Spitzenherzen zusammengeflicktes Kleid, Rosie Assoulin asymmetrische Tops mit üppigen Rüschenbordüren. Siehst Du mich? fragen diese Kleider. Ich hoffe, Du siehst mich.

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Rosie Assoulin Resort 2016

Sobald ein Kleidungsstück dagegen unauffällig ist, wird es nicht mehr als besonders modisch betrachtet. Das muss nicht heißen, dass es nicht schön ist. The Row zum Beispiel machen tolle cremefarbene und schwarze Sachen, aber man fällt darin nicht zwangsläufig auf, sondern wirkt eher vornehm zurückhaltend als modisch. Mode dagegen kommt und geht im Dreimonatstakt, ebenso wie sich die Erscheinung der Narzisstin immer wieder wandelt, weil sich die Narzisstin angesichts ihres eigenen Anblicks schneller langweilt als Leute, die seltener in den Spiegel schauen.

Der Duden definiert Narzissten als „selbstsüchtig“ und „selbstliebend“. Eigenschaften, die sicherlich auch auf Menschen zutreffen, die mit Mode nichts zu tun haben. Jeder Instagram- Nutzer, der schon mal ein Selfie von sich gepostet hat, ist ein kleiner Narzisst. Im Finanzsektor trifft man angeblich überdurchschnittlich viele Narzissten. Sicherlich gibt es Ballungsräume von Narzissten, zum Beispiel die Wall Street, während sie anderswo, zum Beispiel im Kloster, besonders rar sind. Aber keine Branche kommt um den Narzissmus so wenig herum wie die Modewelt. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen: Heute trug ich mein brandneues Oberteil aus der Nike x Sacai Kollektion, ein scharfer Fetzen, vorn dunkelblaues Kurzarm-Sweatshirt, hinten wild flatterndes, neongelbes Plissee-Cape. Ich schaute in jeden sich anbietenden Spiegel: U-Bahn-Schiebetüren, Schaufensterscheiben, die Vitrinen in der Uni-Bibliothek. Dies ist ein ehrliches Blog, deshalb werde ich ehrlich zugeben, dass mir mein Anblick in diesem dramatischen Oberteil ziemlich gut gefiel. Wenn ich gut angezogen bin, liebe ich mich sehr. Jetzt ist es raus.

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Ist das ein angeborener Narzissmus, der schon in mir schlummerte, bevor die Mode ihn weckte und hervorlockte? Oder habe ich mich zuerst für Mode interessiert, woraufhin aus dieser übermäßigen Beschäftigung mit meiner eigenen Erscheinung die Selbstliebe erwuchs? Oder ist Narzissmus etwas, worum im 21. Jahrhundert ohnehin keiner mehr herumkommt?

Melanie Mühl hat den Narzissmus in der FAZ als „das Krankheitsbild unserer Zeit“beschrieben. Die permanente Selbstbetrachtung, Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung gewinne immer stärker an Bedeutung. Überall lauerten Anreize zur Beschäftigung mit der eigenen Person. Soziale Medien laden dazu ein, von Banalitäten aus dem eigenen Alltag zu berichten, Selfie-Sticks professionalisieren die Kunst des Selbstporträts, Karriere-Ratgeber empfehlen, die eigene Person als Marke zu definieren und zu verkaufen. Und in der Modewelt? Wird man endlich auch gesehen, selbst wenn man kein Model ist. Zieh‘ Dir was Auffälliges von Balenciaga an, schon kommt Tommy Ton um die Ecke und schießt ein Foto von Dir. Oder gründe ein Blog, auf dem Du in der Kommentarspalte von wildfremden Leuten Komplimente für Dein Aussehen, Deinen Look und Deine Figur einsammelst. Tatsächlich war es noch nie so einfach, narzisstisch zu sein – und noch nie so salonfähig.

Die Frage ist nur: ist das wirklich so schlimm, wie es klingt? Tatsächlich gibt es einen Unterschied zwischen gesundem und krankhaftem Narzissmus, auch wenn die Übergänge fließend sein können. „Der pathologische Narzisst ist eine Art Parasit“, schreibt Kollegin MühlAls Symptome einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung listet sie auf: „Ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, starke Phantasien von grenzenlosem Erfolg und Macht, das Verlangen nach übermäßiger Bewunderung, ausbeuterisches Verhalten in Beziehungen, Empathiemangel, Neid, Arroganz und Überheblichkeit.“ 

Bin ich solch ein Parasit, weil ich gerne in den Spiegel schaue? Bin ich eine Narzisstin, weil ich mich verstärkt mit der Optimierung meines Aussehens beschäftige? Bin ich eine Narzisstin, weil ich mir lieber ein neues Paar Schuhe für 400 Euro kaufe, anstatt das Geld in Geschenke für meine Mitmenschen zu investieren oder gar für wohltätige Zwecke zu spenden? Die Frage nach dem narzissmusfördernden Potenzial der Modewelt ist grundlegend, weil sie die oft bezweifelte Daseinsberechtigung der Mode im Allgemeinen betrifft. Wenn uns Mode zu Parasiten macht, dann ist davon unbedingt Abstand zu halten. Was aber, wenn sie nur eine viel schwächere Form des Narzissmus fördert, nämlich die Liebe zu sich selbst?

Selbstliebe ist wichtig. Sie darf die Liebe zu anderen nicht übertreffen, aber ebenso nichts sein, was wir uns selbst verbieten. Tziporah Salamon, die bestgekleidete Frau, mit der ich mich je unterhalten habe, brachte es in unserem Gespräch auf den Punkt:„Dressing well is about valuing yourself. I know for myself that if I’m down, dressing up always puts a smile on my face. If nothing else, I can look down on myself and be happy about what I’m wearing.“ Tziporah ist stets so ausgefallen angezogen, dass die Bewunderung durch andere Leute unumgänglich ist. Dessen ist sie sich bewusst. Gleichzeitig sagt sie:I’ve always dressed for myself! Everything I put on my body has to express who I am, otherwise I just don’t feel comfortable.“ Das ist wahre Modeleidenschaft: wenn man sich für sich selbst anzieht, egal ob einem andere dabei zuschauen oder nicht. Genau deshalb besitze ich auch keine Jogginghose. Ich kostümiere mich nicht für den Aufenthalt unter Leuten, um anschließend in meinen vier Wänden die Verkleidung abzulegen. Das wäre Narzissmus. Mode aber ist etwas, dass ich für mein persönliches Wohlbefinden tue – ob mit oder ohne Publikum ist mir dabei tatsächlich egal.

Gesunder Narzissmus heißt, sich wohl in seiner Haut zu fühlen. Umso besser, wenn man sich diese Haut in Form schöner Kleider überziehen kann. Es ist keine Schande, sich gerne auffällig zu kleiden. Oder kein weißes T-Shirt zu besitzen.

Die neuen Kleider für Selbstverliebte:

Christopher Kane Resort 2016
Christopher Kane Resort 2016
Christopher Kane Resort 2016
Christopher Kane Resort 2016
Marques' Almeida Resort 2016
Marques‘ Almeida Resort 2016
Marques' Almeida Resort 2016
Marques‘ Almeida Resort 2016
Marques' Almeida Resort 2016
Marques‘ Almeida Resort 2016
Rosie Assoulin Resort 2016
Rosie Assoulin Resort 2016
Rosie Assoulin Resort 2016
Rosie Assoulin Resort 2016
Rosie Assoulin Resort 2016
Rosie Assoulin Resort 2016
J.W. Anderson Resort 2016
J.W. Anderson Resort 2016
J.W. Anderson Resort 2016
J.W. Anderson Resort 2016
J.W. Anderson Resort 2016
J.W. Anderson Resort 2016
Stella McCartney Resort 2016
Stella McCartney Resort 2016
Stella McCartney Resort 2016
Stella McCartney Resort 2016
Gucci Resort 2016
Gucci Resort 2016
Gucci Resort 2016
Gucci Resort 2016
  • Jean-Marc Schmidt
    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Text, der mir sehr gut gefallen hat. Ich bin in Sachen Mode ein „Spätzünder“. Erst jetzt, mit 43 Jahren, hat sich die Mode zu meinem wichtigsten Lebensinhalt entwickelt, wobei sündhaft teure Beauty-Produkte bereits seit 10 Jahren mein Badezimmer bewohnen. Mit der Mode aber hat es eine spezielle Bewandtnis. Ich hatte immer Bedenken, mich modisch anzuziehen, weil ich immer befürchtet hatte, die Leute würden mich für einen eitlen, oberflächlichen Modefuzzi halten, der sich für was Besseres hält. Mittlerweile ist mir egal, was andere denken. Obschon ich als Verlagslektor arbeite, interessiert mich Mode mittlerweile weitaus mehr als Literatur (was einer Revolution gleichkommt). Meinen ganz persönlichen Stil habe ich noch nicht gefunden, ich fühle mich jedoch nur wohl, wenn ich „maskuline“ und „feminine“ Kleidungsstücke kombiniere (also nicht zu maskulin und nicht zu feminin anziehen!). Ich kam vor zwei Wochen aus Amerika zurück mit einem Koffer prall gefüllt mit Cowgirl-Kleidern, die bei mir im Verlag hohe Wellen schlagen. Mittlerweile bin ich geradezu süchtig nach den überraschten Blicken meiner Mitarbeiter, ich freue mich über jedes Kompliment und werde beim Schlendern durch unsere schöne Hauptstadt (Luxemburg) mit Blicken reich „belohnt“. Bin ich nun wirklich narzisstisch (bei mir zuhause trage ich nur Pijama)? Ja, denn der Wunsch nach Aufmerksamkeit ist mittlerweile so stark, dass ich es überhaupt nicht mehr ertragen könnte, „unbemerkt“ durch die Stadt zu schlendern. Ich sehe das jedoch als „gesunden“ Narzissmus, weil ich keiner Seele damit schade. Ich hatte in meiner Jugend und bis zu meinem 43. Lebensjahr sehr darunter gelitten, von andern „übersehen zu werden“. Damit ist jetzt Schluss. Bis bald..