Geschminkte Wahrheit

GENAU MEINE ZEIT: "GUTER GESCHMACK" SPIELTE IN DEN 80ERN KEINE ROLLE.

JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit1-200Über die achtziger Jahre heißt es ja immer, das seien schlimme Zeiten gewesen. Geschmack, so etwas habe es in den Achtzigern nicht gegeben. Männer trugen Vokuhila, Frauen trugen Dauerwelle, zu High Heels gab es Strickstulpen, Alltags-Schminke schillerte in allen Farben des Regenbogens. In Zebrakleidern und neongelben Bomberjacken rebellierte die Jugend gegen das Establishment. „Schrecklich sahen wir aus“, sagen dazu heute Leute wie meine Eltern, die die Achtziger als junge Erwachsene miterlebt haben.

Ich persönlich finde ja alles aufregend, was nicht ins Schema passt. Deshalb ärgere ich mich bis heute, die achtziger Jahre auf meiner pränatalen Wolke verschlafen zu haben. Als ich zwei Jahrzehnte später in die Schule kam, waren Polohemden en vogue, dunkelblaue Jeans und Timberland-Stiefel. Die Mädchen trugen Pferdeschwänze, die Jungs gepflegtes Kurzhaar. Alles sehr geschmackvoll. Beim Klassentreffen in zehn Jahren werden wir wohl keine einstigen Stilsünden zum Hände-überm-Kopf-zusammenschlagen haben. Wahrscheinlich hatten wir als Kinder der 2000er einfach zu viele Freiheiten. Die kreative Rebellion gegen den Geschmack der Erwachsenen blieb aus.

Kampagne des Modelabels Closed im Magazin IO Donna, 1985
Kampagne von Closed, Herbst/Winter 1985/86

Aber was heißt eigentlich Geschmack? Zurückhaltung, Natürlichkeit, unverkrampfte Eleganz, die man sich nicht zurechtfrisiert hat – das verbinden wir heute mit einem stilvollen Menschen. Gerade deshalb schlägt Leuten wie Kim Kardashian so viel Hass entgegen: weil sie uns scheinbar nicht ihr wahres Gesicht zeigt, sondern es hinter viel Kleister und einem gemachten Vorbau versteckt. Eine Show abzuziehen gilt heute als uncool. Der geschmackvolle Mensch meidet den schrillen Auftritt. Vor allem aber hat er Angst, die Regeln zu brechen.

In diesem Sinne ist Geschmack tatsächlich das Schlimmste, was der Modewelt passieren kann. Geschmack schürt die Langeweile. Die Achtziger, so scheint mir, waren eine Zeit, in der man modische Grenzen austesten und überschreiten konnte, in der man aus Selbstbewusstsein und Spaß an der Sache herumexperimentierte. Fitnesskult und Aerobic-Hype waren klare Symptome dieser Zeit: Man versteckte seinen Körper nicht mehr, man zeigte ihn. Wenn sich heute jemand zeigen und darstellen will, wird er gleich für eine Rampensau gehalten. Aber warum gilt denn immer alles gleich als künstlich und „unauthentisch“, das nicht dezent erdfarben, lässig übergeworfen und zufällig zerzaust aussieht?

Nach vielen Saisons des betont bodenständigen Minimalismus, eingeführt durch Marken wie Céline, Stella McCartney und The Row, lässt sich in der Modewelt nun endlich ein Wandel beobachten. Dank visionärer Designer wie Nicholas Ghesquière, Alessandro Michele und J.W. Anderson sieht man auf den Laufstegen wieder Kontroverses: üppige Farben, Muster, glitzernde Accessoires und Riesenbrillen bei Gucci, Ballonröcke, angesprühte Lederjacken und Patchwork-Westen bei Louis Vuitton, Anzughosen aus spiegelndem Metallic-Stoff und Etui-Kleider mit Logo-Schriftzügen bei Loewe. Nicht unbedingt im buchstäblichen, aber im übertragenen Sinne ist der Esprit der achtziger Jahre damit neu erwacht. Mode darf wieder Grenzüberschreitung und experimentelle Verkleidung sein, vor allem aber ein Spiel, das man nicht allzu ernst nehmen muss. Und auch Trenddiktate, an die man sich einst strikt zu halten hatte, um als modisch zu gelten, gelten nicht mehr. Stattdessen feiert die Modewelt die Schrulligkeit. Je andersartiger, desto besser; je geschmackloser, desto schöner.

Auch das Jeanslabel Closed lässt die Achtziger wieder hochleben: Für die „Archive ’85“-Kollektion wurden 80er-Modelle originalgetreu neu aufgelegt. Dazu startet die Marke die Kampagne #LetsGetToKnowEachOther: In Kurzvideos erzählen Closed-Mitarbeiter, wo sie herkommen. Viele von ihnen sind Kinder und Jugendliche der 80er. 

– Fotos: Julien Barbès; Hair & Make-Up: Latisha Nicholson – 

JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit1-035 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit1-198 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit1-209 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit1-220 Look 1: Jeans „Pedal Drum Blue Denim“ von Closed, Bluse von Marc Jacobs, Vintage-Mantel von Rianna in Berlin, goldene Kette von Dolce & Gabbana, Boots von KenzoJulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit2-074 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit2-089 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit2-090 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit2-122 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit2-238

Look 2: Jeans „Lil ’85 Indigo Denim“ von Closed, Kurzarmpullover von Miu Miu, gelbes Spitzentop von Acne, Ohrringe von Stella McCartneyJulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit3-009 JulienBarbès-CestClairette-80s-Outfit3-024

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 Look 3: Jeansrock „Clara“ von Closed, Lammhaarjacke von Sandy Liang, schwarzer Kurzarmrolli von Marni, Kurzarmpullover (darüber getragen) von Barrie, Sonnenbrille von Dolce & Gabbana

– In Kooperation mit Closed – 

  • Vielen Dank Claire für diese Verknüpfung von er heutigen Mode und dem Zeitgeist aus den 80ern. Der Wandel auf den Laufstegen weg vom manchmal sehr langweiligen und „geschmackvollen“ Minimalismus ist mir auch aufgefallen, die neuen Kollektionen erinnnern mich zum Teil an die Anfänge des digitalen Street Styles, als auf die Sahne hauen, Spaß an der Mode haben und gesehen werden noch cool war.
    Jil
  • julie
    Hi Claire, wie nicht anders zu erwarten war, bist du die „Königin“ im Wettbewerb
    „welche Bloggerin macht das Interessanteste aus der zugesandten Closed Jeans Promo-Ware?“ !!! Deine Texte sind immer toll und dein Fotos bzw. das Styling genau auf den Punkt und dabei vermittelt es noch gute Laune… TOP!
    Liebe Grüße J.