Sexy ist kein Schimpfwort

VON CARINE ROITFELD GELERNT

JulienBarbès-CC-Outfit3-Ambient-036Ich kenne keine Frau, der es gefällt, wenn ihr ein Mann hinterher pfeift. Außer vielleicht Samantha Jones, meine Lieblingsfigur in Sex and the City. Samantha Jones betrachtet ihre Sexualität aber auch so wie Carrie Bradshaw ihren Schuhschrank: als ganz persönliches Vergnügen. Samantha ist die am schärfsten gekleidete Frau der Serie, und zugleich die vielleicht stärkste von allen. Wenn ihr ein Mann auf der Straße hinterher pfeift, betrachtet sie das nicht als Erniedrigung. Sondern als Triumph.

Warum können wir nicht alle ein bisschen mehr so wie Samantha Jones sein?

Sich sinnlich zu kleiden und offen zu seinen weiblichen Reizen zu stehen – sexy auszusehen – scheint unter Frauen heute geradezu zum Tabu geworden zu sein. Ich kenne fast keine Frau, die sich gerne sexy kleidet. Meine Mutter vielleicht, aber die stammt auch aus einer anderen Generation, so wie Samantha Jones. Neulich kamen mir auf der Straße drei Mädchen entgegen, die in ihren großen schwarzen Wollmänteln, eingewickelt in dicke schwarze Wollschals, mit großen Wollmützen auf dem Kopf wie drei Kräuterhexen aus Grimms Märchen aussahen. Das ist bekanntermaßen der traditionelle Look der zugezogenen Wahlberlinerin, die allen zeigen will: Ich bin eine moderne Frau. Ich habe einen coolen Job/studiere irgendwas mit Medien/brauche keinen Freund gehe nämlich lieber ins Berghain. Sexy hab ich nicht nötig.

Sinnlich auszusehen wurde uncool, als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass Frauen zu mehr fähig sind als ihren Ehemännern das Bett zu wärmen. Die Entsexualisierung des weiblichen Körpers begann wohl mit der Erfindung des Hosenanzugs, eines klassischen Männerkleidungsstücks. Seitdem ist die Frauenmode immer androgyner geworden. Als Frau fühlt man sich heute stark, wenn man in Bomberjacke, Jeans und Turnschuhen durch die Gegend läuft. Sexy gekleideten Frauen schenkt man ein mitleidiges Lächeln: diese Schuhe können doch unmöglich bequem sein? Wie verzweifelt ist die wohl?

Aber ist es wirklich so, dass wir urbanen Großstadtfrauen die Betonung unserer weiblichen Reize nicht nötig haben? Kann es nicht sein, dass wir tatsächlich eher Angst davor haben, sie zu zeigen?

Ich glaube, dass der noch lange nicht beigelegte Kampf um Emanzipation und Gleichberechtigung viele Frauen davor zurückschrecken lässt, sich wie eine „klassische“ Frau anzuziehen: körperbetont, mit Beinen, Busen, Taille und Lippenstift. Sie haben Angst, nicht als stark und kompetent wahrgenommen zu werden, wenn sie sich wie ein Vollweib kleiden. Bezeichnet man Laufstegmode heute als modern, so meint man damit häufig überdimensionale, voluminöse, körperferne Unisexkleider, die die Geschlechtergrenzen nahezu auflösen. Labels wie Marques‘ Almeida oder Vetements prägen diesen Look der „modernen Frau“. Und das ist gut so, denn Frauen haben viele Facetten, die sie heute, Gott sei Dank, auch ausleben können. Nur warum ist sexy, im Sinne von feminin und sinnlich, keine davon? Warum besteht der Glaube fort, mit diesem Look könne man außerhalb des Schlafzimmers keinen Erfolg haben?

Carine Roitfeld, 61, ist so etwas wie die Samantha Jones der Wirklichkeit. Sie trägt Smokey Eyes, Raubkatzenprints, Halsbänder, Bleistiftröcke und Netzstrumpfhosen. Carine Roitfeld sieht eigentlich immer sexy aus, „Modernes“ käme ihr wohl nicht in den Schrank. Und doch ist Carine Roitfeld der Inbegriff der modernen Frau: langjährige Chefredakteurin der französischen Vogue, heute weltbekannte Stylistin und Macherin des extravaganten Modemagazins CR Fashion Book, das regelmäßig mit den verrücktesten Fotostrecken der Saison überrascht. Man kann von Roitfeld, über deren Marotten und Eigenarten üble Gerüchte im Umlauf sind, halten, was man will – eine Ikone ist und bleibt sie, und ihr unverwechselbarer Look hat dazu entscheidend beigetragen. Roitfeld ist der atmende Beweis dafür, wie stark, selbstbewusst und originell man in einem sinnlichen Outfit aussehen kann – und das vor allem zu seinem eigenen Vergnügen. Denn nie wirkt man stärker, als wenn man sich stolz und ehrlich zu seiner Weiblichkeit bekennt.

Im Englischen gibt es dafür den Begriff self-empowering. Es widerspricht dem größten Klischee der sexy Frau: dass sie sich nur zu Unterhaltungszwecken anderer, nämlich der Männerwelt anzieht. Das tut sie nicht. Eine Samantha Jones denkt nicht an Männer, wenn sie im tief ausgeschnittenen Kleid die Straße entlang läuft. Sie denkt an sich. In diesem Moment respektiert sie nichts und niemanden mehr als ihre eigene Persönlichkeit als Frau. Es ist nicht unmodern, sich sinnlich zu kleiden. Sexy ist kein Schimpfwort.

Carine Roitfeld hat für Uniqlo eine Kollektion aus lauter sexy Carine-Klassikern entworfen: Bleistiftröcken, schmalen Blazern, Seidentüchern und Slip-Kleidern. „Some people might be disappointed and find it too classic“, erzählte sie Business of Fashion. „There’s no jacket with three sleeves or anything wild like that. What’s special are the proportions, how the pieces fit, which is what’s most important to me. It’s my box of styling tricks made accessible for everyone.“ Die Kollektion ist jetzt online und in Berlin exklusiv in der Filiale an der Tauentzienstraße erhältlich.

Alle Bilder: Julien Barbès

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Look 1: Schwarzer Mantel, graue Weste, Halstuch und Zigarettenhose von Carine Roitfeld X Uniqlo. Boots von Kenzo.

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Look 2: Bleistiftrock und Halstuch von Carine Roitfeld X Uniqlo. Jeansjacke von Levi’s.

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Look 2: Fake-Fur-Mantel mit Leoparden-Druck und schwarzes Kleid mit Spitzenbesatz von Carine Roitfeld X Uniqlo. High Heels von Charlotte Olympia.

– In Kooperation mit Uniqlo –