Kann Instagram Kunst sein?

UND IST EIN GUTES INSTAGRAM-PROFIL DANN DAS NEUE MUSEUM?

12120437_423025227892320_1913004624_n[2]

Im amerikanischen Kunstbetrieb sorgt gerade eine Gruppe aufgeregter Aktivisten namens „RSAP“ für Aufsehen. Das ist kurz für „Renoir Sucks At Painting“. Mit 10300 Anhängern auf Instagram und ein paar dutzend Teilnehmern bei Demonstrationen vor dem New Yorker Metropolitan Museum und dem Museum of Fine Arts in Boston ist die Bewegung zwar vergleichsweise überschaubar, aber skurril. Skurril genug immerhin für zahlreiche Meldungen in den internationalen Kulturmagazinen und Zeitungsfeuilletons. Die Zeitschrift Dazed & Confused zitiert den Anführer der Bewegung, einen Mann namens Max Geller: „I think he (Renoir) is certainly the most overrated painter East, West, North and South of the River Seine.“ In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung war neulich nachzulesen, dass Geller die flächendeckende Verehrung von Renoir für „ästhetischen Terrorismus“ hält und mit seiner Bewegung nicht weniger als die „Demokratisierung von Schönheit“ anstrebt.

Ich persönlich habe mir nie große Gedanken zu Renoir gemacht, ich kenne ihn so, wie wir ihn alle kennen: als Maler farbenfroher Landschaften, Stillleben mit verwelkten Blumen, Frauen mit großen Brüsten und feinen Herrschaften, die sich wahlweise unter Obstbäumen oder auf Canapees räkeln. Dass er fester Bestandteil jeder kanonischen Kunstsammlung ist, habe ich nie in Frage gestellt. Warum eigentlich nicht? Was macht Renoir überhaupt zu Kunst, zumal in einer Zeit, in der die Menschen längst nicht mehr täglich mit Gemäldeschinken von vor 150 Jahren konfrontiert werden, sondern mit Bildern ganz anderer Art? Ist da der Ruf nach der Demokratisierung von Schönheit, also auch dem, was wir als Kunst bezeichnen, nicht durchaus gerechtfertigt?

In diesem Moment mache ich eine Schreibpause. Atme ein, atme aus, weil ich über den nächsten Satz nachdenken will – und greife simultan zum Handy, um einen Blick auf Instagram zu werfen. Ich tue es automatisch, die App funktioniert wie ein Magnet, mein Daumen will auf das Email-Fach klicken und wird trotzdem zuerst zu Instagram gezogen. Ich schaue nach, wie es auf meinem Profil so aussieht, wie viele Likes mein neues Foto bekommen hat, wer mir neuerdings folgt, dann wische ich durch den Feed, sehe Designer-Duftkerzen bei @colette, eine mit japanischen Souvenirs vollgestopfte Handtasche bei @susiebubble, den Schriftzug „Another Magic Monday“ auf @kadewe_berlin, die Schauspielerin Jella Haase in Pluderhosen auf einem Kaugummiautomaten, gestylt von @vivianehausstein. Ich schwimme immer weiter durch die endlose Bilderflut. Vielleicht werde ich überschwemmt.

Über meine Generation heißt es ja immer bewundernd, wir seien gar nicht mehr so versessen aufs verdummende Fernsehen, in kaum einer Studenten-WG finde sich überhaupt noch ein TV-Gerät. Das stimmt. Die Zwanzigjährigen von heute schauen nicht mehr RTL. Sie gehen dafür aber auch nicht häufiger ins Museum. Nein, sie sind auf Instagram, Snapchat und Youtube. Bilder sind mächtig. Sie begegnen uns überall, auf Straßenschildern, Filmplakaten, Buchdeckeln, Werbeanzeigen, in Zeitungen, Zeitschriften, Modemagazinen und Kunstgalerien, auf Kaffeetassen und in Möbelkatalogen. In diesem Dschungel der visuellen Reize hat Instagram in den letzten Jahren gewaltig an Bedeutung gewonnen. Die stärksten Bilder, die junge Menschen heute umgeben, sehen sie auf Instagram. Firmen wissen das längst zu nutzen: Sie statten Leute mit großer Anhängerschaft mit ihren Produkten aus, schalten Werbung und stellen Menschen ein, die sich um nichts anderes als den aussagekräftigen Social-Media-Auftritt kümmern. In Berlin nennt sich mittlerweile jede X-beliebige Bloggerin nebenberuflich „Social Media Consultant“- das heißt, sie berät auf Grundlage ihres eigenen 1-Selfie-500-Likes-Erfahrungsschatzes Unternehmen, wie man die Follower bei Laune hält.

Dieser rasant wachsende Einfluss eines einst harmlosen Foto-Dienstes wird immer wieder dämonisiert – gerade erst letzte Woche, als die 19-jährige Australierin Essena O’Neill tränenreich ihren Abschied von Instagram zelebrierte. O’Neill wurde mit retouschierten Selfies und Bikini-Fotos bekannt, täglich fütterte sie mehrere hunderttausend Anhänger mit Bildern ihrer scheinbaren Rundum-Perfektion. Das habe sie krank gemacht, sagte O’Neill, ihr Leben haben sich um kaum mehr etwas anderes als Likes und Follower gedreht.

Es gibt viele Essena O’Neills auf Instagram. Sie verhindern jegliche tiefere Auseinandersetzung mit dem Medium, das zunehmend als unrealistische und trügerische Selbstdarstellungsplattform mit zweifelhaften Idealen dargestellt wird. Aber ist Instagram wirklich so schlimm, wie es gelegentlich scheint? Muss man nicht gerade deshalb, weil uns heute so viele Bilder via Instagram erreichen, die Frage stellen, ob Instagram nicht einen ebenso künstlerischen Wert und inspirierenden Effekt haben kann wie seinerzeit Pierre-Auguste Renoir? Wenn wir mit der Macht der Bilder heute vor allem über soziale Medien konfrontiert werden, dann ist es bestimmt nicht falsch zu fragen, welche Wirkung diese Bilder auf uns haben und ob nicht gerade sie die „Demokratisierung von Schönheit“, die Max Geller fordert, vorantreiben können.

Es gibt Instagram-Accounts, die richtig gut sind. Sie unterhalten, sie parodieren, sie erfreuen mit originellen Motiven. Sie decken auf, sie informieren, sie regen an. Sie zeigen keine dämlichen Selfies und machen mit ihren Fotos kein Geld. Sie zeigen Schnappschüsse, die visuell reizvoll und mit klugen, humorvollen Bildunterschriften betitelt sind. Man besucht ihre Profile gern, man freut sich über jedes neue Foto. Ihre Accounts sind die neuen Museen.

These: Kann Instagram Kunst sein?

Ich habe drei Jahre lang Kunstgeschichte studiert, und bis heute kann ich nicht sagen, was Kunst eigentlich ist – oder eben nicht ist. Wer entscheidet darüber? Was macht Renoir zu einem der bekanntesten Köpfe des Impressionismus? Häufig ist es der Rahmen, in dem ein Objekt gezeigt wird, der ihm den Titel Kunstwerk verleiht. Eine zertretene Cola-Dose auf der Straße ist Müll. Eine zertretene Cola-Dose im MoMa ist Kunst. Wodurch die Cola-Dose selbst plötzlich ihren künstlerischen Wert erhalten hat, bleibt ungeklärt. Hauptsache, das Objekt hat jetzt Prestige. Warum kann es bei Instagram nicht ebenso funktionieren? Selbst die Feuilletonisten der angesehensten Zeitungen des Landes betrachten Pop- und Hochkultur heute nicht mehr als streng voneinander abgegrenzte Gebiete. Rihanna und Beethoven, Paris Hilton und Pablo Picasso sind gleichermaßen kulturell interessante Persönlichkeiten, weil sie Millionen von Menschen erreichen. Irgendwas muss an ihnen dran sein. Gleiches gilt für Instagram: Der Fotodienst zählt über 400 Millionen Mitglieder. Nicht wenige von ihnen machen gute Fotos und wirken mit ihrer gelungenen Mischung von Bildern als talentierte Kuratoren ihrer virtuellen Galerien.

Warum also sollte man Instagram nicht ebenso wie Renoir – oder ebenso wenig – als Kunst bezeichnen dürfen?

Es sind Leute wie Essena O’Neill, die diesem Gedanken widersprechen: weil die Inhalte ihrer Bilderbotschaften so hirnlos sind, dass es tatsächlich nicht mal mehr originell ist, wenn sie ihre Accounts im Zuge einer plötzlichen Selbstläuterung irgendwann löschen. Hätten sie auch früher drauf kommen können, dass ein Selfie pro Tag auf Dauer nicht glücklich macht. Das Problem ist, dass in dieser Flut der gesponserten, retouchierten, sinnfreien, durchweg dämlichen Bilder das, was Kunst sein könnte, untergeht. Es ist ein bisschen so, als würde man einen Matisse in einen Raum voller Ausrisse aus der Instyle hängen.

Wo sind die Matisses von Instagram?

Es gibt sie, so viel ist sicher. Und wer für jeden Instagram-Matisse eine Selfie-knipsende Bekannte aus dem Feed wirft, wird sehr schnell merken, dass Instagram nicht so dumm ist, wie es manchmal scheint. Dass es smart und intelligent sein kann, lustig und originell, und dass so manches Foto tatsächlich so viel ausssagen kann wie tausend Worte. Anspruchsvolle Zeitungsmedien nutzen die App zur Verbreitung informativer und anregender Inhalte: @newyorkerphoto, der Feed der Foto-Redaktion des New Yorker, und das @zeitmagazin lassen jede Woche einen anderen Kreativen ihre Instagram-Accounts mit aufregenden Bildergeschichten füllen. @zeitmagazin_mode macht mit Klaus Stockhausen hinter der Kamera zurzeit den stärksten Feed der Modebranche, gezeigt werden Schnappschüsse von den Laufstegen, von zufällig in der U-Bahn gesichteten Supermodels und Großmüttern in „Bitch“-Schürzen als Hinweis auf den aktuellen Schürzen-Trend.

@thefunnelogychannel postet die besten Reisebilder aus aller Welt und inspiriert damit zu ungewöhnlichen Urlaubszielen. @ferdinandfeldmann fotografiert banale Schauplätze des Alltags – Stadionsitze, Zimmerflure, Schwimmbecken – wie surreale Raumstationen. Die Illustratorin @christinagransow zeichnet ihr Wohnhaus in Hamburg-Altona, @groehrs bastelt Modeillustrationen aus Radieschen und Champignons, und @kimischalla ironisiert ihre Badezimmer-Selfies mit pop-artigen Motiven. Die Künstler von Instagram sind überhaupt ein ganz eigenes Phänomen: Immer mehr Kreative nutzen die App zur kostenlosen Verbreitung ihrer Arbeiten.

Mag sein, dass Instagram krank macht, dass Mädchen dafür hungern, sich ausziehen und ihre Freizeit mit Likes-Zählen verbringen. Aber davon einmal abgesehen, verbreitet Instagram grandiose Unterhaltung von nicht selten kulturell relevantem Wert, die einem entgehen würde, wenn sie nicht so leicht zugänglich wäre. Und selbst wenn man ewig darüber streiten kann, welcher Schnappschuss nun Kunst ist und welcher nicht: Die größte Vitrine der Welt bleibt Instagram allemal.