Kling, Handy, klingelingeling

WAS DEIN KLINGELTON ÜBER DICH AUSSAGT (MEHR, ALS DU DENKST!)

Cora Emmanuel, Malaika Firth & Riley Montana by Emma Summerton (Selfie Absorbed - W March 2014)Ich langweile mich nie, aber manchmal sitze ich auf meinem Schreibtischstuhl und kann irgendwie nichts Sinnvolles mit mir anfangen. Bis ich gelernt habe, wie man solche Momente zur inneren Einkehr und Besinnung nutzt, nehme ich mein Handy zur Hand und tue etwas, das das denkbar geringste Volumen an Hirnleistung erfordert: Ich ändere meinen Klingelton. Ernsthaft, es gibt keine bessere Art zu entspannen. Ich höre einmal alle verfügbaren Töne an – zur Freude meiner Mitbewohner gerne auch mehrmals, selbstverständlich in voller Lautstärke – und kehre nach siebzehn Änderungsanläufen am Ende meistens zu meinem angestammten Klingelton zurück. Es geht bei dieser Beschäftigung nicht um Fortschritt oder Lebenswandel. Es geht um das pure Vergnügen an der Sinnlosigkeit.

Ich bin ohnehin sehr zufrieden mit meinem Klingelton, ich finde, er passt zu mir. Ich habe aber auch so meine Erfahrungen gemacht. Eine Zeit lang hatte ich die hübsche Melodie „By the seaside“ eingestellt, die klingt ein bisschen nach Jahrmarkt auf Usedom. Einmal ging ich in die Uni zur Kunstgeschichtsvorlesung. Wie üblich kam ich zu spät. Die Professorin musterte mich abfällig. Ich hatte es mir gerade mit meinem Schreibblock bequem gemacht, hochmotiviert, ihr nun mit besonderer Aufmerksamkeit zu lauschen, da klingelte ein Handy. Ziemlich laut. Frau Professorin sprach weiter, aber in ihrem Gesicht stand deutliche Verachtung. Ich verdrehte die Augen und sah mich genervt um; konnte der Idiot mit diesem dämlichen Klingelton mal an sein verdammtes Handy gehen? Es klingelte weiter, laut, schrill, allmählich nervtötend. Meine Handtasche fiel um. Darin vibrierte und klingelte es. Mein Handy.

Seit diesem Tag bin ich nicht mehr so gern in die Kunstgeschichtsvorlesung gegangen.

Die Situation kennt, glaube ich (hoffe ich?), jeder. Man sitzt in einer gut bevölkerten, aber gespenstisch stillen U-Bahn – schon klingelt das Telefon, das man schlauerweise einen Tag vorher auf „Sexy Back“ von Justin Timberlake eingestellt hat. Man ist Weihnachten in der Kirche und denkt, das Handy sei brav auf lautlos geschaltet, da hüpft plötzlich der „Boing“-Ton durch den Raum, man hatte den aus Spaß für die Anrufe der hyperaktiven Freundin eingestellt. Am Berliner Hauptbahnhof habe ich mal auf einen Zug gewartet, als ein ziemlich gruseliger Alarm-Ton losging und für Angst und Schrecken unter den mitreisenden Fahrgästen sorgte – mein Handy. Ich habe den Klingelton für die Anrufe meiner Mutter eingestellt.

Man könnte meinen, der Handyklingelton sei eines jener unwichtigen Details des modernen Alltags, eine Auswahl, die man so oder so trifft, weil ein Handy halt irgendwie klingeln muss, damit man dran geht. Aber die Möglichkeit, einen einzigen Ton aus den 54 verfügbaren auszuwählen, fordert eine Entscheidung, die von nichts anderem als unserem Geschmack, Charakter und dem Bild, das wir davon abgegeben wollen, abhängt. Kurz gesagt: Unser Klingelton sagt wahrscheinlich genauso viel über uns aus wie unser Musikgeschmack. Bei beidem geniert man sich ja irgendwie, sobald die Öffentlichkeit davon erfährt. Jedenfalls gibt es nichts Peinlicheres, als wenn man vergessen hat, die Spotify-App auf seinem Handy zu beenden, bevor man in die 10-Uhr-Konferenz geht – und da verselbstständigt sich das Telefon dann, um mitten in die schönste Konferenzstille hinein mit der „Workout“-Playlist loszulegen.

Auch ändere ich meinen Musikgeschmack, genau wie meinen Klingelton, ständig. Gestern fand ich Taylor Swift noch zum Kotzen, heute höre ich Justin Bieber. Ich bin 21, jung, verwirrt, unentschlossen und aufmerksamkeitsbedürftig. Wirklich, das alles erkennt ein Blinder, sobald er meinen Klingelton hört.

Du bist dir nicht sicher, wer du bist oder sein willst? Keine Sorge: Dein Klingelton weiß es ganz bestimmt. Zur Klärung tiefenpsychologischer und selbstanalytischer Fragen aller Art habe ich den großen C’est-Clairette-Klingelton-Charakter-Test zusammengestellt. Und hier ist er schon! Clairette wünscht frohe Unterhaltung.

„By the seaside“

Die nervtötend gut gelaunte Karussell-Musik mit leierndem Drehorgel-Sound sorgt für höllische Ohrwürmer. Das muss man mögen. „By the seaside“ ist der richtige Ton für notorische Sieh’s-Positiv-Sager. Das Leben ist schön, auch im Winter; das ist keine höllischer Drehwurm, sondern eine entzückende Melodie; du bist krank? Blödsinn, dir geht es viel besser, als du denkst; und deine Probleme sind, wenn du mal darüber nachdenkst, doch eigentlich Luxus-Peanuts; das hat der ganz sicher nicht böse gemeint; die mag dich bestimmt, die ist halt unsicher – so reden „By the seaside“-Hörer, stets auf der Strandpromenade des Lebens unterwegs. Natürlich lassen sich solche Gute-Laune-Hysteriker schon morgens um 7 Uhr, bei Dunkelheit und Eiseskälte, vom selben Ton wecken, ist schlechten Vibes doch noch vor dem Gang unter die Dusche tunlichst vorzubeugen. „By the seaside“ ist der Sound des Idealismus. „Der möchte mir bestimmt nur einen besonders günstigen Zinssatz anbieten“, wissen Schönredner, bei denen beim Blick aufs heiter rasselnde Handydisplay der Name des Bankberaters erscheint.  

„Silk“

Duftkerze auf dem Nachttisch, Lavendelstrauß im Kleiderschrank, Anti-Aggressions-Ball auf dem Schreibtisch, Mandelmus-Smoothie im Kühlschrank: „Silk“, zu Deutsch „Seidenweich“, ist der Weichspüler unter den Klingeltönen, gemacht für ausgebuffte Wellnessjäger. Das Leben ist grau und unliebsam, deshalb muss man es sich schön machen. Zum Einschlafen gibt’s eine Avocado-Gesichtsmaske und Walgesänge vom Band, zum Aufstehen Selbstfindungsyoga vorm Schlafzimmerspiegel, zum Frühstück grünen Tee und Kokosjoghurt. Man muss sich das so vorstellen: Für Wellnessjäger ist jeder Anruf ein potenzieller Angriff auf seine weichgepolsterte Oasenwelt. Es könnte der Arbeitgeber dran sein oder die penetrante Großtante oder ein Freund, der Umzugshelfer sucht. Kommunizieren muss man mit diesen Leuten, das bringt das Erwachsensein mit sich, da führt kein Weg drum herum.„Silk“ ebnet mit seinem glockenhell-meditativen Tonleiter-Sound, der an die Idylle einer japanischen Teezeremonie erinnert, den Übergang in die schonungslose Realität des Alltags.

„Alarm“

Hier hat jemand zu viele Flugzeugabsturzfilme gesehen – oder einfach einen besonderen Sinn für Humor. „Alarm“ ist was für Leute, die gerne Witze erzählen, die manchmal lustig, aber nicht in jeder Situation taktvoll sind. Witzeerzähler sind immer Menschen, die Aufmerksamkeit brauchen, also im Mittelpunkt stehen wollen. Das geht mit einem Klingelton, zu dessen Sound allen Leuten das Herz stehen bleibt, natürlich gut. Aber weil das Leben von so zäher Eintönigkeit ist, kann ein bisschen Aufregung in der Routine nicht schaden. „Alarm“-Hörer sind Menschen, die nach Abenteuer suchen. Als Kind haben sie in der U-Bahn immer mit dem Gedanken gespielt, die Notbremse zu ziehen, einfach mal so, aus Spaß.

„Crickets“

Dem Klingelton „Crickets“ hört man nicht zu, man lauscht ihm. Lauscher des Grillen-Sounds sind Naturmenschen. Am liebsten würden sie per Vogelgezwitscher kommunizieren, aber weil sie erstens nicht so gut zwitschern können und zweitens doch gelegentlich mal mit dem Onkel aus Kanada sprechen wollen, haben sie sich ein von Mutter Natur entlehntes Signalgeräusch auf dem Handy eingestellt. „Crickets“-Hörer sind sanfte, zurückhaltende Menschen, die bei der Arbeit in ihrem Büroviereck gerne versonnen den Blick aus dem Fenster schweifen lassen, das ganze Jahr von ihrem letzten Urlaub in Südfrankreich träumen und später mal ein Häuschen im Grünen besitzen wollen, wo sie mit ihrem Liebsten auf der Veranda im Schaukelstuhl sitzen und den quakenden Fröschen im Gartenteich lauschen. Es ist im Übrigen schwierig, mit „Crickets“-Hörern Kontakt aufzunehmen. Sie hören ihr Handy leider nie.

„Playtime“

Hat als Kind zu viel „Sims“ gespielt. Spielt wahrscheinlich immer noch.

„Marimba“

Lieber iPhone-Nutzer, du hältst dein neues iPhone in der Hand. Obwohl, so neu ist es gar nicht, du hast es ja schon eineinhalb Jahre. Aber so richtig kapiert, was man damit alles machen kann, hast du anscheinend nicht. Guck mal, diesen dämlichen Standard-Ton aus wahllos aneinander gereihten Xylophon-Tönen, mit dem es aus musikalischer wie unterhaltender Sicht jeder Flohwalzer aufnehmen kann, haben dir die Programmierer in San Francisco eingestellt. Genau wie dieses blöde Standard-Weltkugel-Hintergrundbild, das du auch langsam mal ändern könntest. Willst du denn wirklich so standard sein?! Andererseits muss man dir die Effizienz, mit der du dein iPhone bedienst, wohl hoch anrechnen. Während andere Leute ganze Abende mit der Auswahl des coolsten Klingeltons und schönsten Sonnenuntergangsfotos aus dem letzten Mallorca-Urlaub für ihren Bildschirmschoner verbringen, hast du die Zeitung gelesen, die Wohnung geputzt, das Radio auseinander und wieder zusammen gebaut und deine Steuererklärung gemacht. Dein iPhone ist dir nämlich eigentlich scheißegal. Es soll halt klingeln, damit du hörst, wenn einer anruft. Weißt du was? Herzlichen Glückwunsch: du bist gesund.

„Sci-Fi“

Dieser Ton klingt wie ein Ruf aus höheren Sphären. Wer die Erdbevölkerung für eine Verschwörung von Muggeln hält, dem ist „Sci-Fi“ Musik in den Ohren. Der Ton klingt so gruselig wie eine Alien-Landung in Berlin-Mitte, aber das gefällt außerirdisch veranlagten „Sci-Fi“-Hörern, die schon als Kind gerne unheimliche Computer-Spiele im Keller gezockt und sich immer schon gefragt haben, ob Spinnen eigentlich sprechen können. Er/sie trägt gerne Schwarz, zum Beispiel lange schwarze Ledermäntel, hat mindestens 7 Piercings und studiert eine merkwürdige Fächer-Kombination, zum Beispiel Astrologie und Mittelhochdeutsch. Hat als Kind viel mit sich selbst und wenig mit anderen geredet. Wird später entweder Erfinder bei der NASA oder landet als unerkanntes Genie an einer Tankstelle.

„Night Owl“

„Endlich Freitag!“ jauchzt allfreitäglich, sobald die Stunde 18 Uhr schlägt, die Frau mit „Night-Owl“-Klingelton, lässt die Luftschlangen tanzen und schon mal aufwärmend die Hüften kreisen. Eigentlich möchte mit „Night Owl“ keiner erwischt werden. Der Ton klingt so nach Dorf-Disco, nach Ü-40-Party, nach Provinz. Wobei das ja die Orte sind, an denen man erfahrungsgemäß am meisten Spaß hat, wenn man sein Hemmungen einmal abgelegt hat. „Night-Owl“-Hörer haben keine Hemmungen. Wahrscheinlich handelt es sich um mittelalte, gut gelaunte Mütter mit etwas Hüftspeck, die alles „Klasse“ finden, heimlich den Lieblings-Techno ihrer Kinder beim Staubsaugen im Wohnzimmer hören und dazu ekstatische Choreografien erfinden. Außerdem schwärmen sie täglich von ihrer wilden Zeit in den Achtzigern, als sie Samstags immer mit dem Rainer in der Disko knutschten und zu Wham! tanzten. Von der „Night-Owl“-Hörerin könnten wir uns alle ein paar Scheiben abschneiden: Ihr ist nichts peinlich.

„Boing“

Nur Hyperaktive können „Boing“ hören, ohne dabei wahnsinnig zu werden. Ich hatte als Kind einen Hüpfball, der klang so ähnlich. An dieser Stelle oute ich mich: „Boing“ ist mein Klingelton. Er weckt mich aus jedem frühnachmittäglichen Schreibtisch-Wachkoma. Er bringt mich zum Lachen, wenn ich eigentlich gerade nichts zu lachen habe. Er symbolisiert meine Sprunghaftigkeit, mein Aufmerksamkeitsbedürfnis, meinen jugendlichen Leichtsinn. Er passt zu meiner gelben Handtasche und zu meinen Krokodilleder-Schuhen und zu meinem pinkfarbenen Cocktailkleid. Er ist ein bisschen albern, er geht manchen Leuten auf die Nerven, er ist irgendwie schrullig, aber eigentlich doch ganz zahm. Er ist wie ich.

 „Old Phone“

Der langweiligste Klingelton ist, wie sollte es anders sein, der beliebteste. „Old Phone“ klingt undurchsichtig, man lässt sich damit nicht in die Karten schauen und peinlich muss es einem auch nicht sein, wenn das Telefon mal in der Vorlesung klingelt. Der „Old Phone“-Hörer ist bedacht darauf, bloß nicht aus der Rolle oder in irgendeiner Weise unangenehm aufzufallen. Höchstwahrscheinlich wohnt er/sie in einem hippen Hauptstadtbezirk, hat einen Kaktus, geht am Wochenende brunchen, trägt Sneaker von Nike, pflegt ein pseudo-kultiviertes Auftreten (hört Grimes, liest Kehlmann, schaut Arte) und kauft seine Möbel auf dem Flohmarkt (oder bei Vitra). Der Klingelton klingt ja auch irgendwie vornehm, schließlich erinnert das alte Telefon an vergangene Zeiten und alte Hitchcock-Filme. Retro ist bekanntlich nie verkehrt – und darauf kommt es dem „Old Phone“-Hörer an: bloß alles richtig zu machen.

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BONUS!!! Signaltöne beim Eintreffen von SMS/Emails/Erinnerungen an die Wäsche, die seit 2 Tagen in der Waschmaschine fault

„Noir“

Ich bin wichtig, ich bin groß, ich bin schön, ich habe Macht, Einfluss und Geld. Der Signalton für Diven, Chefs und andere Narzissten.

„Suspense“

Traue keiner Email! Sie könnte ein Cyper-Angriff sein, oder eine 50%-Sale-Meldung von Net A Porter, oder eine zuckersüße Einladung zu einem Presse-Event von Michael Michalsky. Leute mit „Suspense“-Signalton liegen immer auf der Lauer. Sie misstrauen allem und jedem, vor allem aber technischen Geräten und dem Internet im Allgemeinen.

„Ding“

LANGWEILER.