Anleitung zur Alltagsflucht

MANCHMAL HILFT ES SCHON, SEHR LAUT ZU SINGEN

tumblr_nrshxgRM5Y1qafi93o2_12801967 schrieb Joan Didion ihren großen Essay „Goodbye to all that“. Der Text ist so schön, dass es wehtut. Didion beschreibt darin, wie sie sich in New York verliebte, und diese Passage trifft meine eigene Erinnerung an die Stadt auf den Punkt: „I was in love with New York. I do not mean „love“ in any colloquial way, I mean that I was in love with the city, the way you love the first person who ever touches you and never love anyone quite that way again.“

Sie beschreibt, wie ihr in den ersten Monaten und Jahren alles an der Stadt besonders und bemerkenswert vorkam, sogar etwas so Banales wie ein Sommerregenschauer. Jeder noch so alltägliche Moment war ein sinnliches Ereignis: „I remember walking across Sixty-second Street one twilight that first spring (…) I was late to meet someone but I stopped at Lexington Avenue and bought a peach and stood on the corner eating it and knew that I had come out of the West and reached the mirage. I could taste the peach and feel the soft air blowing from a subway grating on my legs and I could smell lilac and garbage and expensive perfume (…)“ Sie beschreibt ihr Unverständnis gegenüber einem Freund, der nicht mit auf eine Party kommen wollte, weil er der immergleichen Gesichter müde war – und wie es ein paar Jahre dauerte, bis ihr dämmerte, was er gemeint hatte. Es ist ein Text ohne Happy End. Am Ende verlässt Joan Didion New York: „Everything that was said to me I seemed to have heard before, and I could no longer listen.“ Die Routine hat sie eingeholt, die teuflische Routine, die einfach alles kaputt macht, sogar so große Liebesgeschichten wie die von New York.

Ich fing an, mir über das Problem der Routine Gedanken zu machen, als ich im April in Brasilien im Taxi saß und nicht nach Hause wollte. Das war schon immer so: mit dem Ende von Ferien überkam mich eine große Traurigkeit. Als wir vor vielen Jahren einmal aus dem Skiurlaub kamen und der Zug in Hamburg einfuhr, schaute ich betrübt aus dem Abteilfenster auf die sonnenbeschienene Außenalster und sagte: „Hamburg ist eine trostlose graue Stadt.“ Das stimmt nicht. Und aus Rio de Janeiro nach Berlin zurückzukommen, wo mich ein toller Job erwartete, war nun auch nicht gerade schrecklich. Dass ich die Idee von Routine und Alltäglichkeit so hasse, kann nicht an meinem Alltag liegen. Das Problem bin ich.

Ich erzähle oft, dass die vier Monate, die ich selbst vor zwei Jahren in New York verbrachte, die beste Zeit meines Lebens waren. Erst jetzt habe ich verstanden, warum: Weil ich an jedem noch so normalen Tag mit tellergroßen Augen durch die fremde Stadt lief, fühlte sich jeder noch so normale Tag wie eine Verheißung an. Jeder Marsch über die Williamsburg Bridge nach Manhattan kam mir vor wie der Auftakt zu einem unvergesslichen Fest. „I still believed in possibilities then“, beschreibt Joan Didion dieses Gefühl, „still had the sense, so peculiar to New York, that something extraordinary would happen any minute, any day, any month.“ Im Flugzeug zurück nach Deutschland heulte ich. Es fühlte sich an, als sei gerade eine Ära vorbeigegangen.

In New York hatte ich keine Routine. Ich sog jeden Moment auf, als handele es sich um ein einzigartiges Erlebnis: die druckfrische New York Times morgens auf der Fußmatte, der Geruch nach verbrannten Pretzels auf dem Broadway, der Schockmoment, wenn man von der überhitzten U-Bahn-Station an der West 4th Street in den eisgekühlten Zug stieg, der rosafarbene Abendhimmel über der Avenue of the Americas, die Kaffeepause zwischen zwei Vorlesungen am Washington Square, Take-Away-Sushi mit Sophie auf ihrer Dachterrasse in Soho, das Woody-Allen-Filmset im West Village, in das ich zufällig hineinstolperte, die nächtliche Taxifahrt über die Brücke nach Brooklyn, der dicke Araber im Kiosk gegenüber von meiner Wohnung, bei dem ich jeden Morgen einen Becher Kaffee für 1 Dollar kaufte und der mich auch nach vier Monaten immer noch verlässlich fragte: „Milk? Sugar?“. Sogar das eine Mal, als ich bei strömendem Regen abends durch China Town lief, fand ich toll. Deshalb war ich so glücklich in New York: jeden Tag vom Leben überrascht zu werden gab mir ein Gefühl grenzenloser Freiheit. Dabei hätte ich nur ein paar Jahre länger bleiben müssen – dann wäre mir schon aufgefallen, dass dieses Freiheitsgefühl tatsächlich gar nichts mit New York zu tun hat.

Viele Leute beschreiben ihren Alltag als Hamsterrad, wenn nicht sogar Gefängnis. Auch deshalb ist die „Entschleunigung“ wohl gerade ein so großes Thema. Vielen Menschen kommt ihr Leben leer vor, also widmen sie sich den Ersatzreligionen der Gegenwart: Yoga, Bio, Veganismus. Die Lifestyle-Industrie profitiert davon. Sie verkauft uns Detoxkuren und Massageurlaube als Sinnerfüllung, dabei ist der ganze Quatsch am Ende nichts weiter als geschicktes Konjunkturprogramm, und Quinoasalat auf Dauer auch ganz schön langweilig.

Neulich habe ich zum ersten Mal „Wie schnell die Zeit vergeht!“ gesagt und mich dabei steinalt gefühlt. Eben war noch Sonntagabend, jetzt ist schon wieder Donnerstag, und hatte der Sommer nicht gerade erst angefangen, wo kommt denn plötzlich der August her? Liegt es daran, dass ich seit Anfang dieses Jahres arbeite, jeden Tag in ein Büro gehe, mich von einer Erledigung zur nächsten hangele und am Freitagabend um 22 Uhr erschlagen auf dem Bett liege, anstatt vor die Tür zu gehen und mein Jungsein zu feiern? Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob ich schneller altere als meine noch-studierenden Altersgenossen, weil ich mich so früh für ein Leben von zeitraffender Routine entschieden habe. Ich mag das Leben, das ich führe, ich liebe meinen Job, meine Freunde, meinen Sport, meine Ordnung. Und doch fühlt es sich im Moment so an, als würde dieses Leben an mir vorbeisausen.

Das macht mir Angst. Also mache ich die Routine dafür verantwortlich und träume von New York, so sehnsüchtig, dass es wehtut und ich Joan Didions Essay zum vierundzwanzigsten Mal lesen muss, um mich daran zu erinnern, dass Routine oder Nicht-Routine nichts mit dem Ort, an dem du wohnst, zu tun hat, sondern ausschließlich mit dem, was du aus deinem Leben machst: wie viel Struktur du zulässt, wie viel Faulheit und Kontrollverlust du dir erlaubst, vor allem aber, wie viel du von dem, was das Leben an kleinen Gratis-Überraschungen bereit hält, auch tatsächlich wahrnimmst.

Routine ist nämlich keine über einen hereinbrechende Katastrophe höherer Macht. Es ist eine selbstgewählte Entscheidung. Das Leben besteht aus lauter freiwillig verpassten Chancen. Der übellaunige Wetterfrosch Phil Connors bekommt das in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit aller Brutalität zu spüren: Er muss den 2. Februar 1993, den er bisher für einen von 365 überflüssigen Tagen hielt, so oft wieder erleben, bis er endlich versteht, wie viel Potenzial allein in diesem einzigen Tag steckt. Auch die Geschichte von der fabelhaften Welt der Amélie ist eine schöne Erinnerung daran, dass man für den Ausstieg aus dem Hamsterrad nichts kaufen, nichts einnehmen und erst recht nicht verreisen muss. Was wirklich hilft, ist der Fokus auf die kleinen Dinge des Lebens. Amélie ist darin Expertin. Sie genießt alles, was andere übersehen oder in ihrer Kindheit zurückgelassen haben: Kirschen als Ohrringe tragen, Creme-Brûlée-Krusten knacken, die Hand in einen Bohnensack tauchen. Amélies Vater liebt es, große Stücke Tapete von der Wand zu reißen und seinen Werkzeugkasten aus- und wieder einzuräumen. Amélies Mutter liebt die Kostüme von Eiskunstläufern und den Boden mit Bürsten unter den Schuhen zu putzen.

Die meisten Menschen, die man ohne Vorbereitung fragen würde, was ihnen im Leben Freude bereitet, würden wahrscheinlich eher schwammig antworten: das Meer. Weihnachten. Zeit für mich. Aber was ist mit den Kleinigkeiten, die das Leben so lebenswert machen? Als ich in New York wohnte, waren meine Sinne permanent scharf gestellt, ich nahm jedes noch so kleine Detail als Besonderheit wahr. Jetzt muss ich mich oft daran erinnern, den Blick dafür zu schärfen. In den letzten Wochen habe ich folgende Alltagsfreuden notiert:

– Freitagabend auf dem Bett liegen, Camembert mit Feigensenf essen und dazu den schönen Trash-Film „40 year old virgin“ schauen

– Die BILD-Überschrift: „Schlange beißt Mann in den Penis“

– Nachts am Fenster stehen und vom dunklen Zimmer aus die Stille auf der beleuchteten Straße beobachten (das ist echt poetisch. Unbedingt mal ausprobieren!)

– In Schlangenlinien Fahrrad fahren

– Wettrennen

– Vor allen anderen aufstehen und der einzige Mensch im Freibad sein

– Gegen Freunde mit Bierdosen auf einen Mülleimer zielen (habe getroffen)

– Spätabends Eis essen gehen

– Um Mitternacht Schaufensterbummeln

– Die frischgewaschene Luft nach einem Sommergewitter

Manchmal reicht es auch schon, sehr laut zu singen. Oder wie von der Hummel gestochen zu Earth Wind & Fire durchs Wohnzimmer zu tanzen. Oder, wenn gar nichts mehr hilft, einen Urlaub zu planen. Wobei Urlaub nur eine Notlösung sein darf. Das meinte auch mein Freund zu mir, als ich in Brasilien im Taxi heulte und nicht nach Hause wollte. Er scheint kein Problem mit Routine zu haben, im Gegenteil: er liebt sie. Mindestens dreimal in der Woche geht er in dasselbe italienische Restaurant um die Ecke. Wenn ich dabei bin, maule ich: „Schon wieder hier?“, dabei ist es wirklich ein guter Italiener. Mein Freund findet, ob man etwas als langweilige Wiederholung oder prickelndes Abenteuer empfindet, hänge allein von einem selbst ab. Schließlich könne die Vorfreude auf Dinge, die man gerne tut, mindestens genauso erfrischen wie eine plötzliche Überraschung.

Schaut man sich an, was in der Welt gerade so los ist, muss man ohnehin dankbar für jede Routine sein, die man erleben darf. Während Deutschland in diesem Jahr zum besten Land der Welt gewählt wurde, gerät das Leben vieler Menschen in anderen Ländern aus den Fugen. In Aleppo ist der Alltag dem Überlebenskampf gewichen. In Nizza und München haben Menschen Angehörige und den Boden unter den Füßen verloren. In den USA wächst die Furcht vor einem Mann, der das Land ins Verderben stürzen könnte. Wenn man es so betrachtet, ist Routine tatsächlich das Gegenteil von einem Gefängnis. Nämlich ein Geschenk.

  • Anja
    Liebe Claire,
    ich liebe dein Gedanken und kann sie häufig teilen. Danke dafür. Beim Lesen diese Artikels musste ich viel an meine beiden Kinder (4 und 6) denken, denn sie wollen bzw. können beides: Routine und Achtsamkeit/ Einzigartigkeit des Moments. Die Routine gibt ihnen die Sicherheit – so glaube ich zumindest – durch die sie sich auf Neues einlassen können und neugierig bleiben. Ich kann mit ihnen nicht „mal eben“ etwas machen. Zu vieles ist unterwegs so interessant und spannend anzusehen oder auszuprobieren, dass jeder noch so kleine Ausflug zum „Abenteuer“ wird. Für mich wird dadurch deutlich: beides ist wichtig und bringt ein Gleichgewicht in das eigene Leben. Und ich kann dir nur zustimmen: einen routinierten, sorglosen Alltag zu haben, kann auch großes Glück bedeuten.
  • Ganz große Liebe und ein willkommener Arschtritt 😉 DANKE