Die lieben Kollegen

ACHT TYPEN, NEBEN DENEN MAN IM CAFÉ ARBEITET

carrie_parisIch arbeite gern im Café. Ich kann im Büro nämlich nicht schreiben. Vielleicht ist die Bezeichnung „Büro“ Schuld an der automatischen Arbeitsblockade, die mich lähmt, sobald ich diesen „Büro“ genannten Raum betrete – einen Raum, der dazu gedacht ist, dass man leistet, sobald man ihn betritt. Hilfe! Wie soll man auf Ideen kommen, wenn man dazu gezwungen wird? Also gehe ich ins Café.

In Berlin tun das viele Leute. In New York habe ich es auch erlebt. Die Angst vor dem „Büro“ scheint weit verbreitet. „Alle sitzen im Café vor ihren Mac Books, trinken Latte Macchiato und machen Projekte“, fasste ein Freund, der einen Schuhladen führt, das Phänomen mal ganz treffend zusammen. Aber er klang ratlos. „Was sind das nur für Projekte?“ Tatsächlich sieht man in diesen Berliner Cafés viele Menschen sitzen, von denen nie genau zu sagen ist, ob sie an ihren Bildschirmen wirklich irgendwas zustande bringen oder sich nicht eher dahinter, genau wie hinter dem ominösen Wort „Projekt“, verstecken. Manche sitzen auch zu zweit und stecken aufgeregt die Köpfe zusammen und malen irgendwas in Notizbücher. Vielleicht erfinden sie das nächste große Berliner Startup, zum Beispiel einen Lieferservice für iPhone-Ersatzglasscheiben. Oder auch nicht.

Ich gehe immer in das gleiche Café, nämlich das gegenüber von dem Haus, in dem ich wohne. Es öffnet um 8 Uhr, man kann dort draußen sitzen und die Stadt erwachen sehen, der Kaffee duftet, dazu gibt es statt gluten- und geschmacksfreier Schonkost Croissants, Bananenkuchen, Tageszeitungen und WLAN. Hier fühle ich mich wohl. Das Beste am Arbeiten im Café aber ist, dass man, wenn man gerade nicht weiterkommt, jederzeit den Kopf heben, sich umschauen und die Leute beobachten kann. Diese Form der zwischenzeitlichen Regression ist im Büro, wo einen die Arbeit überall anguckt, selbst wenn man selbst die Arbeit eben gerade mal nicht angucken will, gar nicht möglich.

Im Laufe der Jahre, die ich nun schon in diesem Café sitze, Geschichten schreibe und zwischendurch den Kopf hebe, habe ich die Leute um mich herum alle studiert. Manche sehe ich täglich, manche kommen einmal und nie wieder. Bestimmte Typen aber bleiben. Und irgendwann wachsen einem diese fremden Menschen, von denen man nicht mal die Namen kennt, ans Herz. Sie werden sowas wie Kollegen. Immerhin teilt man ein Schicksal: die Arbeit. Und die Angst davor.

Der Choleriker

„Hab‘ ich doch gestern im Meeting gesagt dass das so nicht geht! Das geht so nicht! Nein! Na-hein! Ja? Doch. Doch. NEIN!!! Mannmannmann. Alles muss man selber machen!“ Der Choleriker hat ein hartes Leben, denn: alles muss er selber machen. Und dass er, als einzig fähiges Mitglied seiner Firma, nur von Pappnasen umgeben ist, darf die Café-Gesellschaft ruhig mitbekommen. So wie auch die zwanzigminütige Telefonkonferenz, für die er das Telefon auf laut stellt, damit er nebenbei in seinen Computer hacken kann und zum Gestikulieren beide Hände frei hat. Dann bestellt er einen Cappuccino und ist sauer, als er einen Cappuccino bekommt: „Einen Espresso wollte ich, muss man denn alles selber machen???“ Man muss. Sogar mit sich selbst sprechen, das tut der Choleriker wiederum gern:“Wieso funktioniert das nicht… so ein Scheiß… vorhin ging das doch noch… dieses verdammte Gerät… scheiß Apple!“ Dazu stößt er alle dreißig Sekunden einen genervten Seufzer aus, verdreht die Augen, hämmert auf die Laptop-Tastatur und greift sich theatralisch an den Kopf, denn er hat so wahnsinnig viel zu tun, und ja, doch, das sollen ruhig alle mitbekommen.

Die leidende Künstlerin

Sie kommt jeden Tag um 10 Uhr und trinkt solange das Gleiche, nämlich Americano ohne Milch und Zucker, bis ihr der Barista den Kaffee wohlmeinend an ausgerechnet jenem Tag unaufgefordert hinstellt, an dem sie zum ersten Mal was anderes haben wollte: Ingwertee! Sorry! Die nächsten drei Stunden wird sie fingernägelkauend und ohne weiteres zu bestellen den Premiumplatz am Fenster okkupieren. Sie hat einen Laptop dabei, in den sie sporadisch etwas reintippt. Auf ihrem Bildschirm sind immer mindestens vier Fenster und acht Tabs geöffnet: zwei Dokumente, Safari, iTunes, WordPress, ZEIT Online, Vogue Runway, Buzzfeed, YouTube, Facebook, Net A Porter und Vestiaire Collective. Ob sie produktiv ist, ist schwer zu sagen. Es wird vermutet, dass sie Autorin ist oder gerne wäre, mehr weiß man nicht. Die meiste Zeit schaut sie nervös in die Gegend, runzelt angestrengt die Stirn, wirft dem Choleriker bitterböse Blicke zu,  guckt alle fünf Minuten auf ihr Handy, schlürft Kaffeereste aus der längst leeren Tasse und hält sich leidend die Ohren zu.

Die Referatsgruppe 

Man hat sich schon gewundert, warum die zwei Frauen Anfang 20 an diesem ganz normalen Mittwochmorgen nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich für ein dreieinhalbstündiges Kaffeekränzchen am Nebentisch niederzulassen. Erst nachdem sie alles, was es auf dieser Welt zu besprechen gibt, besprochen haben – das Proseminar mit dem ätzenden Professor, die IS-Verschwörungstheorien der irren Kommilitonin, die letzte rauschende Nacht im Berghain, die komischen Pillen, die man da auf dem Klo eingeworfen hat, die kaputte Beziehung, die neue Beziehung, die Penisgröße der neuen Beziehung, Instagram, Kohlenhydrate, H&M und Brangelina – wird klar, dass es sich bei diesem netten Duo tatsächlich um eine Uni-Arbeitsgemeinschaft handelt. „Wollen wir mal mit dem Referat anfangen?“ Ja, denkt man da, super Idee, macht das mal. Ich setz‘ mich inzwischen woanders hin. Ihr wollt ja bestimmt unter euch sein!

Das Arbeitstier

Entert pünktlich um 8 Uhr früh das Café, um sich den Platz hinten in der Ecke zu reservieren – dort ist man vor Kinderwagen und sonnenhungrigen Referatsgruppen in Sicherheit. Wenn es um die Abschirmung vor potenziellen Ablenkungsmanövern geht, ist das Arbeitstier Profi:  geräuschnivellierende Kopfhörer hat es auch dabei. In absoluter Stille wird ab jetzt ohne Unterbrechung in den Laptop getippt, als gäb’s kein Morgen. Der Kaffee bleibt unberührt. Hallo? Können Sie bitte kurz auf meine Sachen aufpassen? Hallo? HALLO? ES BRENNT, SO HÖREN SIE DOCH! Während um das Arbeitstier herum die Welt untergeht, tippt es immer noch selig. Toll, denkt man, diese Kopfhörer brauche ich auch, vor allem angesichts von Typ 5, der jetzt das Café betritt:

Die Mama

Die Mama arbeitet heute an einem ganz besonderen Projekt. Es heißt Baby und erfordert besondere Qualifikationen: Kreativität, Humor, Geduld, Gelassenheit, Diplomatie und das Beherrschen einsilbiger Sprache in hohen Quietschtönen. „Baby essen? Ja? Ja? Toll!“ Baby verlangt viel Aufmerksamkeit. Es will essen, trinken, schreien, Mamas Latte probieren, Kaffeetassen umschmeißen, von Mama angebotene Brokkoli-Stücke auf den Boden schmeißen und die Nachbarn anspucken. Mama ist begeistert, denn diese Hyperaktivität kann ja nichts anderes bedeuten, als dass da ein kleines Genie heranwächst. Das muss sie gleich Mama 2 erzählen, die gerade vorbei spaziert. Toll! Du auch hier! Setz dich doch! Mama 1 und Mama 2 sind alsbald in wichtige Gespräche vertieft, während Baby seine Umwelt im Umkreis von vier Metern mit allerlei fliegendem Geschoss in Angst und Schrecken versetzt. An arbeiten ist natürlich nicht zu denken. Echt süß, der Bengel!

Der Poser

Der Poser wohnt gegenüber vom Café, reist aber trotzdem per Porsche mit passender musikalischer Untermalung an. Geparkt wird im Halteverbot direkt vor dem Café. Dann marschiert er in seinen Yeezy-Jogginghosen in den Laden, als gehöre er ihm. Es ist 12 Uhr Mittags, der Poser bestellt einen Espresso und einen Shot. Den kriegt er deshalb, weil er hier alle kennt und alle ihn kennen. Die Kellnerin begrüßt er mit einem Poklaps. Er blockiert einen ganzen Tisch, an dem er aber nicht sitzt, weil er permanent vor dem Café auf und ab läuft, Zigaretten raucht, sich in den Schritt greift und in sein Handy spricht.

Der Genießer

Was ist das für ein Glück, morgens etwas so Herrliches wie diesen Kaffee probieren zu dürfen. Dieser Duft! Dieses Röstaroma! Das muss man gleich die Augen schließen. So lauscht es sich auch dem Gezwitscher der Vögel sehr gut, die jetzt angeflogen kommen, um unter den Tischen die Croissant-Krümel aufzupicken. Ganz wie daheim, in der Wahlheimat Paris. Schon biegt der erste Sonnenstrahl um die Ecke und taucht die Straße in goldenes Licht, und dazu dieses Pain au Chocolat und diese fantastische Tageszeitung, die einen einfach jeden Tag aufs Neue mit erstaunlichen Nachrichten überrascht und unterhält. Ein Traum, den Tag so beginnen zu dürfen. Der Genießer macht vor der Arbeit kein Yoga, er geht ins Café. Das ist seine Frühmeditation, sein Luxus, sein kleines Paris. Von Coffee to go hat er übrigens noch nie gehört, nein, Coffee to go? Was soll das sein?

Die Bekannte


Man hat sich zwar im hintersten Winkel des Cafés versteckt, aber sie sieht einen trotzdem: die Bekannte. Hi!!! kreischt sie durch den Raum und bahnt sich ihren Weg zwischen Laptops und Kaffeetassen zu einem durch. Sie spricht sehr laut. Du auch hier!!! Na, wie geht‘s? Kommst du auch immer zum Arbeiten her? Super! Dann sehen wir uns ja jetzt öfter! Und können endlich mal wieder in Ruhe quatschen! Hast du zum Lunch schon was vor? Woran arbeitest du denn? Ich mache gerade ein neues Projekt mit Adidas und Hess Natur, willst du mal erste Visuals sehen? Mann, toll dich zu sehen. Darf ich ein Foto von uns für Instagram machen? Hey sag mal, könntest du mir ein Uber rufen, ich seh grad, mein Handy ist ausgegangen, und ich muss gleich zum Airport. Ja? Mann, cool. Danke. Toll dich zu sehen. Lass mal bald ein Projekt zusammen machen.

  • Victoria Arnhold
    Liebe Claire, ich kommentiere eigentlich nie, aber das muss ich jetzt loswerden: Deine Texte sind einmalig – jeder einzelne davon!