Heiße Dusche

BIN GLEICH FERTIG. NUR NOCH 10 SEKUNDEN!


Es beginnt die Zeit, in der man sich abends auf eine heiße Dusche freut. Dass der Herbst da ist, merkt man daran, dass man den blauen Himmel beim morgendlichen Wettercheck noch für 20 Grad im Schatten hält. Sind aber nur noch 8 Grad. Außerdem wird es früher dunkel, da war man jetzt auch nicht drauf vorbereitet. Abends läuft man fröstelnd von der Arbeit nach Hause, während einem der Wind im Zwielicht Laub unter den Rock weht, den hatte man morgens noch, von post-sommerlichem Leichtsinn beschwingt, angezogen, ohne Strumpfhose natürlich.

Irgendwie hatte man ja auch vergessen, wie sich Frieren anfühlt. Vier Stockwerke hoch in die Wohnung steigen und nicht schwitzen, sondern frieren. So wie der Mitteleuropäer jedes Jahr im Winter verlässlich vergisst, dass der Sommer eines Tages wiederkommen wird, und dann im März voller Erstaunen ins Licht blinzelt, ist er jedes Jahr empört, wenn der Herbst auftaucht. Wie, das war’s schon mit dem Sommer? Im Leben wird vieles zu Routine, der Wechsel der Jahreszeiten komischerweise nie.

Jetzt schnell rein in die Wohnung. Was gibt es Schöneres als das Gefühl, aufzutauen? Kälte ist wie jeder andere Schmerz auch: schön, wenn er nachlässt. Ab unter die heiße Dusche.

Au! Ist das kalt! Wir befinden uns hier, zur Erinnerung, nicht im Marmorbad eines Hollywood-Filmsets, wo sofort das heiße Wasser fließt und Seifenblasen an goldenen Wasserhähnen zerplatzen. Nein, wir befinden uns in einer ostdeutschen Durchschnitts-Wanne, hinter einem Polyester-Duschvorhang mit Zahnpastaflecken, in einem fensterlosen, schlecht durchlüfteten Fünfquadratmeterbad, Altbau, Berlin. Hier gibt’s kein Marmor, nur marmorierte Kacheln in Beige-Grau, ein Relikt aus den geschmackvollen Achtzigern. Bis das Wasser im vierten Stock angekommen ist, vergehen ein paar Minuten, in denen man immer mal wieder prüfend den kleinen Zeh unter den Duschkopf hält und jedes Mal aufs Neue entsetzt zurückschreckt. Ja, man lernt nie aus.

Jetzt aber. Unter einem heißer werdenden Duschstrahl stehen ist ein bisschen wie am Strand unter einer Wolkendecke liegen, geduldig frierend, bis die Sonne endlich hervorkommt und schlagartig alles in goldenes Licht und köstliche Wärme taucht. Es ist soweit. Man kann den Duschkopf in die Halterung stecken und sich unter den wohltemperierten Schauer stellen. So ist’s besser. Herrlich. HERRLICH.

Wer hat eigentlich die heiße Dusche erfunden? Eine heiße Dusche ist wie eine Umarmung, wie eine Massage, wie von Mama gestreichelt werden. Wenn man sich grässlich fühlt und alles ausweglos erscheint, stellt man sich am besten unter eine heiße Dusche. Am schönsten geht das in der Pose des erschöpften Sportlers: mit dem Gesicht Richtung Duschkopf stehen, Kopf hängen lassen, Wasser über das Gesicht strömen lassen. Wenn es einem schlecht geht, ist Duschen wie Heulen: einfach toll. Vom Besteigen einer Badewanne ist in solchen Situationen hingegen abzuraten, denn beim Baden sinkt der Blutdruck, man wird schlapp und runzlig und möchte sich, nach dem man zwanzig Minuten im eigenen warmen Dreck gelegen hat, am liebsten gleich schlafen legen. Duschen dagegen belebt. Aus einer Dusche steigt man immer mit klarerem Geist, als man hineingestiegen ist. Duschen ist aktiv und trotzdem kein bisschen anstrengend. Beim Baden schwimmt man in seinen Sorgen, beim Duschen wäscht sie der prasselnde Schauer weg.

Auch toll, was man unter der Dusche alles machen kann, wozu man sonst nicht kommt. Eine gründliche Körperinspektion erscheint sinnvoll, ist ja jetzt alles so gut sichtbar, wo die Schmutzkruste abgewaschen ist. Man drückt also ein bisschen hier und da herum, entdeckt interessante Haare an erstaunlichen Stellen, bohrt in aller Ruhe in der Nase und rasiert sich die Zehen. Auch Zähneputzen geht gut, nicht auszudenken, wenn man das in der Badewanne täte. Igitt!

Und diese Wärme. Diese grenzenlose Behaglichkeit. In der Badewanne kann man ermordet werden, aber unter einer heißen Dusche kann einem nichts zustoßen. Man ist eingehüllt wie in einem Kokon, der Strahl massiert einem die Kopfhaut, die Wärme prickelt in allen Gliedern. Man schließt die Augen und hat grandiose Einfälle.

Was dann kommt, ist wie am Montagmorgen um 6:30 Uhr aus dem Schlaf geklingelt zu werden, viel zu früh natürlich, denn man hatte sich doch gerade eben erst hingelegt, gefühlt jedenfalls. Oder wenn man feststellt, dass man nur noch genau einen Tag hat, um seine Steuererklärung abzugeben. Blankes Entsetzen, obwohl man es natürlich schon hatte kommen sehen: das Leben gönnt einem wenig, und ein erwachsener Mensch hat Pflichten. Dazu gehört auch, die Dusche irgendwann abzustellen.  Als man noch Kind war und nicht dafür zuständig, Strom und Wasser zu bezahlen, konnte man stundenlang ohne den Anflug eines schlechten Gewissens unter der heißen Dusche stehen, bis Papa durch die Tür rief: „Die Wasserwerke haben schon angerufen!“ Das geht jetzt nicht mehr.

Also noch zehn Sekunden, und dann Ende. Seufzen. Dann Entschlossenheit. Eins. Zwei. Drei. Vier. Füüünf. Sechssss. Sieeeeeeeeben. Achttttttttt. Neun. Neuneinviertel. Neuneinhalb. Neundreiviertel. Ze…. Neeeein!!!! Ich will nicht! Na gut. Dann noch mal zehn Sekunden. Aber dann wirklich! Ist ja auch gar nicht gesund, so lange zu duschen. Eins. Zwei. Drei…

„Claire!!! Wie lange dauert das denn noch? Ich muss aufs Klo!!!“

Mist. Jetzt gibt es keinen Ausweg mehr. Also lieber gleich Augen zu und durch. Mit einer Unerschrockenheit, mit der man sich sonst nur das Pflaster vom Knie reißt, stellt man die Dusche auf kalt. Ein Schwall Eiswasser stürzt herab. Es ist, im wahrsten Sinne, das kalte Grauen. Man fühlt sich für einen Moment allem Gruseligen und Abstoßenden, das es auf der Welt so gibt, hoffnungslos ausgesetzt, man wird überwältigt von einer schrecklichen Furcht vor Bedrohung und Überfall, man möchte vor Angst schlottern, aber man schlottert ja schon vor Kälte, der plötzliche Auftritt eines Zombies im Badezimmer, der mit einer Axt auf einen einhacken möchte, sodass das Blut gegen die Fliesen spritzt, würde einen jetzt nicht überraschen, ist das kalt!!!!!!!!

Dann ist es vorbei. Naja. War gar nicht sooo schlimm.

  • Sehr treffend! In Anlehnung an ein Carl-von-Clausewitz-Zitat beschreibe ich die morgendliche heiße Dusche im Winter auch gern als die Fortsetzung des Bettes mit anderen Mitteln.

    Rosine

  • JIL EDG
    Liebe Claire, deine Texte sind wunderbar geschrieben, sie bringen mich zum Lachen und beschreiben so herrlich authentisch Situationen aus unserem Leben. Danke dafür, Liebst Christina
  • EricB256
    Ein tolles Plädoyer für die Dusche ist das. Ich freue mich jetzt richtig auf meine nächste Dusche 🙂