Ja Ja Jazz

EINE ART FEEL-GOOD-MOVIE FÜR DIE OHREN

Bildschirmfoto 2017-02-25 um 20.41.00Hat hier irgendjemand nicht „La La Land“ gesehen? Ich dachte, der Film würde mich überraschen, aber tatsächlich war er genauso, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Es wurde viel gesungen, viel geschmachtet, viel gelitten und getanzt, warum man dafür so viele Preise vergeben muss, verstehe ich nicht ganz, aber gut, vielleicht werden die großen Filmpreise ja neuerdings danach verliehen, wie gut ein Film den Menschen tut. In diesem Fall soll „La La Land“ von mir aus alle Oscars abräumen. Sogar Britney Spears schrieb neulich auf Instagram unter einem Bild von rosa Wolken: „These clouds make me feel like I’m in the movie La La Land.“ Ja, Britney, feel ya. Die Botschaft des Films ist optimistisch, man fühlt sich wohl in dieser Kulisse aus märchenhaft glitzerndem Los Angeles unterm lila-blauen Abendhimmel, der dauerscheinenden Sonne, den lustigen, schönen Mädchen in ihren schwingenden, bunten Kleidern – und der Musik. Ich meine nicht das Gesinge zwischendurch, das fand ich anstrengend, sondern den Jazz.

Draußen ist ja gerade Weltuntergangsstimmung. Donald Trump begeht eine schreckliche Dummheit nach der anderen und bekommt dabei wohl bald Unterstützung von Marine Le Pen. Der Winter will einfach nicht aufhören, es regnet, es ist grau, alle sind gestresst, überarbeitet, erkältet oder übermüdet. Ich habe neulich zwei einander völlig fremde Frauen gesehen, die morgens um 7 Uhr auf dem Bürgersteig standen und sich lauthals darüber stritten, ob das Auto eines dritten Fremden zu schnell an der gegenüberliegenden Grundschule vorbei gefahren sei oder nicht. Die Leute sind irgendwie gereizt, wahrscheinlich vom Lichtentzug. Dagegen ist Jazz eine fabelhafte Medizin.

Ich bin neulich im Regen zur Arbeit gelaufen und habe dabei spontan „Summer Time“ von Art Pepper gehört. Plötzlich fand ich den Regen gar nicht mehr schrecklich, sondern irgendwie romantisch. In meinen Ohren vibrierte das Saxophon in seiner warmen Alt-Lage, in sanfter Monotonie wischte der Besen des Drummers über das Schlagzeug, dazu die verträumt dahingleitenden Klaviertöne, die so klangen, als würden die Finger des Pianisten auf den Tasten schlafwandeln. Ich finde es wirklich schwierig, Jazz zu beschreiben, aber berühren tut er mich fast immer.

Jazz versetzt mich in eine Mischung aus Melancholie und Geborgenheit. Es ist eine ungemein stilvolle Musik: Ich kann mich am ungastlichsten Ort der Welt befinden, im Krankenhaus, in einer dreckigen U-Bahn, Samstagnacht am Kottbusser Tor – wenn ich dabei ein Stück wie „Jean Pauline“ von Paquito d’Rivera im Ohr habe, fühle ich mich auf unbestimmte Weise immer in guten Händen. Das Saxophon, das einem vertraulich ins Ohr säuselt, die freundlich schnatternde Klarinette, der zärtlich wie eine großväterliche Stimme grummelnde Bass, manchmal vereinzelt im Hintergrund zupfend, dann plötzlich mit dynamischem Solo-Auftritt. Wer einer Jazz-Band live zuschaut, versteht, warum man in dieser Musik so gut abtauchen kann: die Musiker geben sich beim Spielen voll und ganz dem Rhythmus hin, manchmal versonnen, manchmal wie besessen bearbeiten sie ihre Instrumente, auf der Suche nach einer Melodie, die es vielleicht noch nie gegeben hat.

Auf den klugen Einfall, Jazz mit Barack Obama zu vergleichen, kam im letzten Jahr der ZEIT-Redakteur Peter Kümmel. Als Obama noch Präsident war, schmiss er ein großes Jazz-Fest im Weißen Haus. Alle kamen: Joey Alexander, Dee Dee Bridgewater, Till Brönner, Chick Corea, Paquito D’Rivera, Aretha Franklin, Herbie Hancock, Al Jarreau, Diana Krall, Hugh Masekela. Wenn man einen wirklich fantastischen Text über Jazz lesen will, dann unbedingt diesen. „Wir sind im Weißen Haus, nichts Schlimmes kann uns mehr zustoßen“, schreibt Peter Kümmel nach einer sehr lustigen Passage darüber, wie schwer es eigentlich ist, in dieses Gebäude reinzukommen. Ja, das waren noch Zeiten, als das Weiße Haus für Geborgenheit stand und nicht für Groteske.

Das Fest beginnt damit, dass Obama von dem großen Jazz-Trompeter Dizzy Gillespie erzählt, der sich 1964 mal aus Spaß um das Amt des Präsidenten bewarb: „Dizzy wollte das Weiße Haus in das Blues House verwandeln.“ Hat Obama Jahrzehnte später nicht genau das gemacht, zumindest ein bisschen? „Jene Mischung aus Eleganz und Witz, zu der Obama in der Lage ist, hat Dizzy verkörpert“, schreibt Peter Kümmel. „Obama regiert ja, als wolle er nicht dabei ertappt werden, die Sache mit der Macht zu ernst und zu persönlich zu nehmen, mit ein paar synkopischen, eckigen Bewegungen hat er die Hebel bewegt – und das ist ungefähr so, wie Dizzy Musik gemacht hat; er hat es auf der Bühne immer geschafft, die Zwänge des Rhythmus zu erfüllen und zugleich zu unterlaufen – als mache er sich über das Marschmäßige, das Gleichschaltende des Rhythmus lustig.“

Auch das Leben kann ja manchmal einem gleichgeschalteten Marsch gleichen. Gegen das bedrückende Gefühl, zwischen Arbeit, Steuererklärung und anderen Verpflichtungen eingesperrt zu sein, hilft Jazz ungemein. Es ist die richtige Musik, um in einen Tag einfach mal so hineinzuswingen, zum Beispiel an einem Sonntag, wenn man ziellos durch die Räume wandert, auf dem Sofa liegt, in der Zeitung blättert oder vor sich hinträumt. Jazz schafft eine Atmosphäre von Wohlsein, das Gefühl, am richtigen Ort unter den richtigen Leuten zu sein.
Man kann mit Jazz wunderbar im Kopf verreisen: Ich muss nur Stan Getz anmachen, schon habe ich das Gefühl, wieder in Rio de Janeiro zu sein, an der Strandpromenade entlang zu laufen, ein kaltes cerveja original in der Hand, während die Sonne hinter den Zwillingsgipfeln im Meer versinkt. Und wenn man sich bei dieser Musik wirklich konzentriert und genau hinhört, so wie mein Vater es tut, wenn er sich am Wochenende in seinem „Musikzimmer“ einschließt, dann kann man dabei auch wunderbar all die anstrengenden Gedanken, die einem dem Kopf verstopfen, ruhen lassen. Wer meint, Jazz sei disharmonisch und wirr, hat nicht richtig hingehört. Tatsächlich ist Jazz das musikalische Equivalent zum Feel-Good-Movie. 


Und hier gibt’s eine Playlist!