Sind wir freundschaftsunfähig?

EIN PAAR GEDANKEN ZUM ENDE DER FERNSEHSERIE "GIRLS"

Bildschirmfoto 2017-04-20 um 09.44.45Ich fing an, Girls zu schauen, nachdem ich einen Frühsommerabend auf dem Tempelhofer Feld damit verbracht hatte, drei Freundinnen beim Gespräch über die Spleens einer gewissen Hannah Horvath zu lauschen. Wir tranken Wein aus Plastikbechern, aßen Baguette mit Käse und Schinken, unsere Fahrräder lagen im Gras, wir trugen Sommerkleider mit Turnschuhen, und nachdem die Sonne untergegangen war, schoben wir unsere Räder durch das hohe Gras zurück nach Kreuzberg, um in der Dämmerung noch ein Eis auf der Admiralsbrücke zu essen.

Es war ungewöhnlich für mich, etwas mit drei Freundinnen gleichzeitig zu unternehmen. Ich war nie Teil einer Frauengang gewesen, und so ganz fühlte ich mich auch an diesem Abend nicht zugehörig, denn ich hatte kein Ahnung, wovon die drei die ganze Zeit sprachen. Ich hatte mal probeweise die erste Folge von Girls angefangen, und weil es gleich mit einer Koitus-Stellung losging, die ich für Anal-Sex hielt, sofort wieder ausgemacht. Ich war glühender Sex-and-the-City-Fan, träumte von New York, sehr vielen Schuhen und einer Karriere als Journalistin, und wenn ich Fernsehen schaute, dann wollte ich eine glitzernde Vorschau auf diesen Lebensentwurf sehen. „Aber genau deshalb ist Girls doch so toll“, sagten meine Freundinnen. „Es glitzert nicht. Die Girls sind wie wir. Echt eben.“

Am Sonntag lief die letzte Folge der sechsten und letzten Staffel von Girls. Ich habe alle gesehen, denn natürlich fing ich in jenem Sommer doch an, Girls zu schauen. Ab Folge 3, Staffel 1, war ich infiziert. Dabei stellte ich schnell fest, dass ich von den Girls eigentlich keine besonders gern mochte. Allein darin unterschied sich die Serie so grundlegend von Sex and the City – während ich immer davon geträumt hatte, so kreativ wie Carrie oder so schlagfertig wie Miranda zu sein, fand ich von den vier jungen Frauen aus Brooklyn eine anstrengender als die andere. Jessa undiszipliniert, ruhelos, stolz auf ihre Eiseskälte; Shoshanna überperfektionistisch, verklemmt, hysterisch; Marnie ewig leidend, und zwar immer unter den Mängeln der anderen, die sogar schuld an ihrem eigenen Narzissmus waren; und Hannah, die tragische Hauptfigur, bockig, irrational, von Selbstzweifeln zerfressen, jeder auch nur halbherzig ihr gewidmeten Aufmerksamkeit hinterher hechelnd.

Als ich anfing, die Schwächen der einzelnen Protagonistinnen zu analysieren, musste ich allerdings mit Schrecken feststellen, dass mir viele davon sehr bekannt vorkamen – und zwar von mir selbst. Das war es, was Girls so faszinierend echt machte: die Serie schien alle meine Abgründe und Fehler zu kennen. Darin bestand ihr Suchtfaktor. Man konnte sich in jeder Folge aufs Neue beim Scheitern am Erwachsenwerden zuschauen.

Marnie servierte ihren Freund Charlie ab, weil ihm seine Aufmerksamkeit zuwider wurde; als er aber nur ein paar Wochen später mit einer neuen Freundin auftauchte, wollte sie ihn zurück. Hannah ließ sich auf einen Buchvertrag ein, der vielversprechend klang, hätte da nicht die plötzliche Schreibblockade eingesetzt, die zu täglichem Selbstbetrug zwang. Die felsenfeste Überzeugung, ein verkapptes Wunderkind zu sein („I think that I may be the voice of my generation“), änderte auch nichts an der Tatsache, dass das Buch nie geschrieben wurde. Shoshanna versuchte, in jeder Hinsicht ihre Jungfräulichkeit loszuwerden, sie rauchte Crack auf einer Party, an deren Ende sie unten ohne eine Straße in Bushwick hinunterjagte, wahrscheinlich auch auf der Flucht vor ihren eigenen Zwängen.

Ein paar Staffeln später ging sie nach Japan, um sich dort davon zu überzeugen, in New York die ganze Zeit in der falschen Stadt mit den falschen Menschen gelebt zu haben. Der Ausflug endete mit der Einsicht, dass man vielleicht von einem Ort, aber nicht vor sich selbst abhauen kann. Jessa betrieb die Selbstfindung weniger perfektionistisch, allerdings auch nicht weniger erfolglos. Von dem Abtreibungstermin in der ersten Staffel, zu dem sie nie erscheint, bis zu der ziemlich traurigen Episode in Staffel 6, in der sie sich am helllichten Tag in einer ausgestorbenen Bar irgendeinem Mann anbietet, ist es kein weiter Weg. Und das, obwohl Jessa doch so viel unternommen hat in den letzten Jahren! Sie war Babysitterin und Kindermodenverkäuferiin, sie heiratete, besuchte eine Entzugsklinik, bandelte mit dem Exfreund ihrer besten Freundin an und drehte anschließend einen Film darüber. Aber die innere Leere ist ein großer See, der nie ganz austrocknet.587d4035170000880192a683Zu Recht wird Lena Dunhams größter Verdienst darin gesehen, ihre Generation in Girls so gestochen scharf wie niemand sonst porträtiert zu haben. Grenzenlose Selbstzweifel im Wechsel mit grandioser Selbstüberschätzung, der Glaube an das eigene Talent, der erstaunlich viele unbezahlte Praktika übersteht, Bindungsangst, Entscheidungsangst, das Gefühl, etwas Besonderes und zugleich im Wettbewerb mit vielen anderen eingebildeten schwarzen Schafen zu sein – das alles kommt mir sehr bekannt vor. Vor allem aber habe ich mich und viele Gleichaltrige im Narzissmus der Protagonistinnen wiedererkannt. Wer hat heute, in Zeiten der ständigen Selbstfindung, Selbstoptimierung, Selbsterneuerung, Selbstbetrachtung und Selbstverwirklichung noch ernsthaft Zeit und Energie für echte Freundinnen? Für Freundinnen, die man nachts um zwei Uhr anrufen kann, wenn man ein Problem hat, solche, für die man nicht deshalb da ist, weil man sonst einsam wäre, sondern weil sie einem wirklich etwas bedeuten? In der letzten Folge der letzten Staffel, die am Sonntagabend auf HBO lief, will Marnie, plötzlich zur Selbstlosigkeit bekehrt, Hannah als „einzige beste Freundin“ beim Aufziehen ihres Kindes beistehen. Klingt nett, aber klar ist gleich: Marnie handelt vor allem in ihrem eigenen Interesse. Das Angebot ist Teil eines Selbstreinigungsprozesses, dem sie sich unterzieht, um sich selbst nicht so trostlos vorkommen zu müssen.

„When I was younger, friendship was easy“, schrieb Amelia Diamond neulich auf Man Repeller. „Now, as an adult, I have a job and bills and responsibilities outside of the universe of best friendships. (…) It’s terrifying how easy it is not to call or show up to things that matter. What if one day all of my friends wake up and realize how much I suck at this?“ Mir geht es ähnlich. Diejenigen Freundinnen, die mir wirklich etwas bedeuten, verlangen nicht nur intensive Pflege, sondern auch Aufrichtigkeit. Man muss Diskussionen austragen, Kritik ertragen, man kämpft um Anerkennung und wird gleichzeitig als offenes Ohr gebraucht. Frauenfreundschaften sind nicht einfach. Wenige halten ewig.

Die Freundinnen in Girls waren manchmal Freundinnen, aber ziemlich oft verstanden sie sich überhaupt nicht. Jede war auf ihre Weise interessant, aber mit keiner wollte man auf Dauer etwas zu tun haben. Dann lieber mit den Männern abhängen, die immer wieder die Bissigkeit der Girls kontrastierten: Ray als zuverlässiger, sensibler Sonderling, Elijah als leidenschaftlicher gay best friend, Adam als feinsinniger Liebhaber mit klaren Standpunkten, der nette Typ Joe aus Staffel 3, Episode 10, der der sturzbetrunkenen Hannah beim Kotzen die Haare hielt und sie anschließend in seiner Wanne abduschte. Auch das war an Girls erfrischend: die Arschlöcher waren hier nicht die Männer.Bildschirmfoto 2017-04-14 um 00.07.38Irgendwann sind die Girls keine Freundinnen mehr. Sex and the City endete mit dem Bild der ewig unzertrennlich durch die Straßen von Manhattan flanierenden Viererkette. Bei Girls ist das letzte Bild Hannah im Schaukelstuhl mit ihrem Baby, einem Jungen übrigens. Ist das die Botschaft dieser Serie: dass die Freundschaft zwischen Erwachsenen ein romantisierter Mythos ist, der nur in Ausnahmefällen die Realität übersteht? Sind wir, die emsig an die einsame Spitze marschierende Generation junger Frauen, am Ende gar nicht mehr in der Lage, etwas anderes als uns selbst zu pflegen?

Girls hat viele Idealvorstellungen aus der Welt geschafft: die des perfekten Körpers, die von ästhetischem Sex, die von New Yorker Erfolgskarrieren, vor allem aber die der aufrichtigen Freundschaft. Die ist nämlich viel seltener, als uns Serien wie Sex and the City, Friends und New Girl weismachen wollen – vor allem zwischen Frauen. Girls hat nie behauptet, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind, ewig verständnisvoll und selbstlos zueinander sind, ihren Freundinnen immer alles gönnen, sich selbst zurücknehmen und aufmerksam zuhören, wenn sie gebraucht werden. Machen wir uns nichts vor. Genauso, wie es nicht so einfach ist, seine Zellulitis schön zu finden, ist es nicht so einfach, sich mit einer anderen Frau einfach nur prächtig zu verstehen. Vielleicht ist die Frauenfreundschaft heute fragiler denn je. Aber eine gute Freundin zu sein, das war schon immer schwer.

Die drei Frauen, mit denen ich damals im Frühsommer auf dem Tempelhofer Feld picknickte, kenne ich übrigens immer noch. Mit zweien bin ich sogar noch befreundet. Aber eine Gang wurden wir nie. Und ob ich sie nachts um zwei Uhr anrufen würde, weiß ich auch nicht.

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