Mode ohne Drama

MARYAM NASSIR ZADEH ZEIGT KLEIDER, IN DENEN MAN VOR DIE TÜR GEHEN KANN

Bild: Corey Tenfold für Vogue.com

Ich war ja immer stolz darauf, sagen zu können, dass mein Kleiderschrank fast nur aus Ausgehkleidung besteht. Im Discokleid, behauptete ich spitzbübisch, könne man auch sehr gut zum Zahnarzt gehen. Vielen Leuten erzählte ich außerdem, dass ich, wenn ich verreise, immer meine ganze Garderobe mitnehme, und wenn es nur für zwei Tage ist. Ich wollte als extravagant und dramatisch wahrgenommen werden, denn so sah ich mich selbst. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter geworden bin, jedenfalls finde ich das Theatralische und Dramatische, diese augenverdrehende, hochnäsige, und irgendwie auch immer latent leidende Art der Mode mittlerweile wahnsinnig ermüdend. Das Streetstyle-Theater nervt mich, das Zurschaugestelle auf Instagram, das meint, aus jedem banalen Moment „Content“ machen zu können, noch mehr (ja, ich weiß, ich mache es auch – ich bin tatsächlich so blöd, mir selbst auf die Nerven zu gehen). Allein die Vorstellung, im Discokleid auf einem Zahnarztstuhl zu liegen, strengt mich an. Wenn ich eines bei Saint Laurent auf dem Laufsteg sehe, denke ich zwar immer noch: Toll! Aber wo soll man sowas tragen?

Wenn ich für ein Kleid schon 900 Euro ausgebe, dann will ich es auch anziehen. Dramatische Mode ist schön, aber sie eignet sich nicht zum Fahrradfahren, Einkaufen, Arbeiten, Leben. Hohe Absätze, tiefe Ausschnitte, edle Stoffe, rasant geschlitzte Kleider, all das, was wir als exklusiv und deshalb begehrenswert wahrnehmen, verstaubt in den allermeisten Kleiderschränken. Dramatische Mode entspricht den Ansprüchen und Lebensbedingungen moderner Frauen nicht mehr. Das Zeitalter der dramafreien Mode ist angebrochen.

Diese Entwicklung könnte man bedauern, wären da nicht Designerinnen wie Maryam Nassir Zadeh, die gestern auf einer New Yorker Tartanbahn ihre neue Kollektion vorstellte – und damit eine Idee davon, wie gut die Mode ohne Drama auskommt. Denn das Ende des Dramas in der Mode ist ja nicht das Ende des interessanten und gepflegten Aussehens. Maryam Nassir Zadeh hat keine praktische Funktionskleidung entworfen, sondern: Caprihosen, aufgeknöpfte Pünktchenhemden, paillettenbesetzte Badeanzüge, karierte Sommerkleider, Feinripptops, Blüschen mit Puffärmeln, geknüpfte Basttaschen, flache Schnürsandalen in Bonbonfarben. Einige der Models  hatten tatsächlich Hüften und Hintern, manche sogar Falten. Alles versprühte eine Spontanität und Natürlichkeit und war gerade deshalb herrlich anzuschauen. Auf vielen anderen Laufstegen wird ja immer noch mit sturer Realitätsferne gearbeitet, da herrscht scheinbar immer noch die Überzeugung, dass Mode aufgetakelt, unbequem, teuer und vor allem unerreichbar perfekt sein muss, damit man sie besonders nennen kann. Maryam Nassir Zadeh hat gerade das Gegenteil bewiesen.

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Tragbarkeit gilt in der Modewelt als Todesurteil. Manche Kritiker scheinen sich richtig vor ihr zu fürchten, vielleicht, weil sie meinen, dass die Mode mit dem Drama auch den Glamour verliert, das Mondäne und Exklusive. Vielleicht stimmt das ja. Aber war das nicht immer auch der beste Vorwurf, den man der Mode machen konnte: dass sie sich ständig selbst überhöht und im eigenen Dünkel fast erstickt? Ich habe immer gedacht, ich sei eine schlechte Modekritikerin, wenn ich auf den Laufstegen genau die Kleider am gelungensten finde, die ich mir auch an mir selbst vorstellen kann. Aber Mode ist doch dazu da, einem den Alltag zu veredeln. Wie soll das funktionieren, wenn man sie im Alltag nicht anziehen kann?