Kraut & Rüben #7

MIT SURF-LITERATUR, PFLAUMENSALAT UND EINEM STRENGEN JUSTIN BIEBER

I. Die Debatte um den zurückgetretenen Fußballnationalspieler Mesut Özil hat, es musste ja so kommen, schon wieder hysterische Töne angenommen, während die wirklich wichtigen Fragen ungeklärt bleiben. Einen der wenigen aufschlussreichen Beiträge zum Thema habe ich diese Woche im Deutschlandfunk gehört: ein gut elfminütiges Interview mit dem Psychologen Ahmad Mansour, nachzuhören hier.

„Wenn Kritik am Islam als Islamophobie bezeichnet wird, wenn Missstände in der Integration als Rassismus bezeichnet werden, wenn jegliche Kritik an bestimmten Themen als Rassismus bezeichnet wird, dann kann man das nicht mehr ernst nehmen. Es gibt in diesem Land Rassismus, das trifft mich als Migrant auch tagtäglich, das muss man ernst nehmen. Aber man muss als Nationalspieler auch in der Lage sein, Selbstkritik zu üben und zu verstehen, dass ein Bild mit einem autoritären Herrscher Folgen hat und dass man das kritisieren darf, und sich nicht nur hinter Rassismus verstecken.“

II. Ein besonders schönes Kraut, das mir in dieser Woche untergekommen ist, ist das Album „Geography“ von Tom Misch, der sowas wie der jüngere, coolere James Blunt ist. Vor allem der herrlich nach Lagerfeuerkitsch klingende Song „You’re on my mind“ hat es mir angetan, ich ernenne ihn hiermit offiziell zum Lied dieses Sommers.

III. Ein vollkommen irrationaler Grusel vor Juweliergeschäften und Piercingstudios hat mich die vergangenen 24 Jahre um das Tragen von Ohrringen mit Steckern gebracht. Sophia Zarindasts neue Schmuckkollektion dürfte das jetzt ändern. Ich bin fest entschlossen, mich unter die Nadel zu begeben, diese Ohrringe lasse ich mir nämlich nicht entgehen!

IV. Kürzlich verkündete Forbes, dass Kylie Jenner auf bestem Weg ist, die jüngste „self-made“ Milliardärin aller Zeiten zu werden. Self-made? Kommt sie nicht aus einer Familie, die schon ohne ihr Zutun zu den reichsten und berühmtesten der USA zählte? Und warum ist unsere Gesellschaft eigentlich so fasziniert von supererfolgreichen JungunternehmerInnen, die ihren Erfolg angeblich aus eigenem Antrieb und Geldbeutel erreicht haben? Die Glorifizierung zwanzigjähriger Startup-GründerInnen, gepaart mit der „Du-musst-es-nur-wollen“-Ideologie, erzeugt bei jungen Menschen einen enormen Druck, schreibt Philip Ellis auf Man Repeller:

„Millennials are coming of age in a post-Steve Jobs world. We’ve watched Mark Zuckerberg ascend to one of the most powerful positions on the planet and we are being spoon-fed the myth of the visionary founder through prestige movies based on their lives. Coupled with “self made success stories” like that of Jenner, is it any wonder that we’ve internalized the mindset that we are all just one great idea away from being billionaires? We’ve borrowed the boundless capitalist impulses of the eighties and woven them into a “follow your bliss” culture, which creates often-unrealistic expectations — not to mention an assumption that if you’re passionate about something, you must find a way to turn that into profit.“

Collage: Man Repeller/Madeline Montoya

V. So schön ich unabhängige Nischenmagazine finde: Die meisten von ihnen lesen sich leider wie eine schlecht recherchierte Doktorarbeit (also gar nicht). Eine Ausnahme ist das neue Magazin More or Less, bei dem man gleich merkt, dass ein Profi am Werk ist: Gründerin Jaime Perlman war unter anderem Creative Director bei der britischen Vogue, bevor sie sich selbstständig machte. More or Less erzählt von einer neuen Idee von Luxus, die nicht auf dem Besitz der neuesten Handtasche basiert, sondern darin, sich tiefer mit dem eigenen Stil auseinanderzusetzen und Mode als etwas Kreatives zu sehen, nicht als Statussymbol. „Excess is no longer in fashion“, schreibt Perlman in ihrem Vorwort. „Creativity is the new luxury.“ Einige der Texte und Fotostrecken sind auch online verfügbar, ich empfehle allerdings wärmstens, das wunderschön gedruckte Magazin zu kaufen (zum Beispiel bei Do you read me!? in Berlin)

VI. Ich bin noch nie gesurft (und habe leider auch den Verdacht, dass ich mich dabei ziemlich dumm anstellen würde). Und doch finde ich „Barbarentage“ (Suhrkamp), die Autobiografie des Hobbysurfers William Finnegan, faszinierend. Es ist nämlich viel mehr als nur ein Buch über eine Sportart. Selbst wenn man vom Surfen keine Ahnung hat, ahnt man beim Lesen etwas von dem unbändigen Glücksgefühl, das es auslösen muss. Finnegan erzählt von seiner Kindheit in Hawaii, von seinen Anfängen als Schriftsteller, seinen Reisen, auf denen er nach mehr als nur der perfekten Welle suchte, davon, wie das Surfbrett für ihn immer wieder ein Fluchtort war.

„Dafür, dass das Surfen mich so komplett in Anspruch nahm, gab es keine rationale Erklärung. Es fesselte mich einfach; ich fand einen endlosen Schatz der Schönheit und des Staunens darin. Jenseits dessen hätte ich nicht erklären können, warum ich es machte. Ich hatte die vage Ahnung, dass es wohl einen seelischen Hohlraum füllte.“

VII. Was die Thilo Sarrazins und Alice Weidels dieses Landes wohl sagen werden, wenn uns demnächst die neue Kopftuchmode erreicht? Auf den Laufstegen sah man Kopftücher jüngst bei Gucci, Balenciaga und Versace, das Magazin Dazed & Confused widmete ihnen ein ganzes Editorial. Fotografiert hat es die großartige südafrikanische Künstlerin Kristin Lee Moolman.

VIII. Den schönsten Sommer, den Deutschland je erlebt hat, sollte man so wenig wie möglich in der Küche verbringen. Ich jedenfalls esse aktuell nur Dinge, die sich in fünf Minuten zubereiten lassen. Zum Beispiel Pflaumensalat mit Parmesan und schwarzem Pfeffer, entdeckt auf Bon Appetit.


IX. So begeistert ich in diesem Jahr die Fußballweltmeisterschaft verfolgt habe, so froh bin ich, dass sie vorbei ist und man wieder fernsehen kann, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden (11-Meter-Schießen ist nichts für mich). Sehr gelegen kommt da diese Liste von „13 Filmen für einen nostalgischen europäischen Sommer“, entdeckt auf Messy Nessy Chic. Falls man mal nicht weiß, was man gucken will (ein Problem, das mich so oft beschäftigt wie die Frage, worauf ich Hunger habe).

Penelope Cruz in „Captain Corelli’s Mandolin“

X. Wenn Chang-rae Lee an seinen Vater denkt, dann daran, mit welcher Hingabe der immer sein Gesicht reinigte. „One of my clearest childhood memories is of my father washing his face“, schreibt er im New Yorker. „He did so in a most particular way, with a vigor and thoroughness that made me feel somehow cleaner for simply having watched him.“ Sein Vater habe ihm auch beigebracht, wie man sich richtig wasche. Als ich das las, musste ich daran denken, wie mir mein Vater früher die Zähne putzte, wenn ich mich weigerte, es selbst zu tun. Wahre Liebe äußert sich oft in solch banalen Gesten. „My father’s face“ heißt der rührende Text von Chang-rae Lee, lesen kann man ihn hier.

Illustration: New Yorker/Jan Buchczik

XI. Weil er mit seiner Arbeit als aufstrebender Fotograf im New York der 1980er Jahre nicht die Miete zahlen konnte, wurde Ryan Weideman Taxifahrer. Fotografieren tat er trotzdem noch – nämlich seine Fahrgäste. Man sollte eben nie seine Träume aufgeben! Einige seiner Bilder von der Rückbank kann man hier betrachten.

© Ryan Weideman, Courtesy Bruce Silverstein Gallery, New York

XII. Auch die Klatschpresse versorgt uns in dieser Woche mit atemstockenden Neuigkeiten, etwa diesem Video eines Paparazz0, der sich nicht zu blöd war, Justin Bieber vor laufender Kamera zu fragen, ob seine Verlobte Hailey Baldwin schwanger sei. Biebers Antwort sollten wir uns alle auf die Unterhose sticken. Für den Fall, dass wir mal mit Paparazzi zu tun haben. You never know!

XIII. Als Teenager ging mein ZEIT-Kollege Paul Middelhoff für ein Jahr in die USA. Er träumte von Florida oder New York, landete aber an einer High School in Oxford, Alabama – eine der ärmsten Gegenden des Landes. Vor Kurzem reiste er dorthin zurück, um zu sehen, was aus seinen ehemaligen Mitschülern geworden ist. Seine großartige Reportage zeichnet ein Bild der USA, das nachdenklich macht. Nachzulesen in der aktuellen ZEIT und hier

XIV. Das beste Album des Jahres ist ohne Zweifel „Scorpion“ von Drake, und das sage ich, obwohl ich neulich auf einem Beyoncé-Konzert war. Sorry, B! Mit „Apes**t“ kann ich leider nichts anfangen. Mit „Emotionless“, inklusive Mariah-Carey-Sample und Social-Media-Kritik, dagegen sehr viel:

„Missin‘ out on my years / There’s times when I wish I was where I was / Back when I used to wish I was here. / Missin‘ out on my days / Scrollin‘ through life and fishin‘ for praise / Opinions from total strangers take me out of my way“