Zurück aus Indien: Wanakkam!

BESUCH AUF EINEM FREMDEN PLANETEN

Es ist ein komisches Gefühl, um 8 Uhr morgens bei strahlend blauem Himmel in Frankfurt aus dem Flugzeug zu steigen und die eisige, klare Luft einzuatmen. Es fühlt sich komisch an, durch Hamburgs Straßen zu fahren, in einem Fahrzeug mit Anschnallgurten, und damit ständig brav an roten Ampeln zu halten. Diese Stille, die ist auch komisch – keine Rikshas, die im Zickzack durch die Gegend rattern, keine klapprigen Busse, in denen die Fahrer voller Inbrunst durchgehend auf die ohrenbetäubende Hupe drücken. Es ist so still hier, so sauber, so geordnet, so diszipliniert, so organisiert, so schlicht, modern und ästhetisch. Es ist komisch, hier zu sein, nach diesen sehr eindrucksvollen und intensiven Wochen in Indien, einem Land, das sich in jeglicher Hinsicht von unseren europäischen Normen und Vorstellungen unterscheidet. Indien ist ein fremder Planet.

Obwohl ich “nur” 14 Tage in dieser einzigartig anderen Welt verbracht habe, bin ich mental nahezu überfordert angesichts der immensen Vielfalt an Eindrücken und Erlebnissen, die während meiner Reise ins südliche Indien tagtäglich auf mich einprasselten und von denen ich viele erst jetzt, bei meiner Rückkehr in die vollkommen gegensätzliche Heimat, verarbeiten kann. Das Andere, Neuartige, Verblüffende hat mich schon immer gereizt, niemals könnte ich jeden Urlaub an ein und demselben Ort verbringen – viel zu spannend erscheint mir da hingegen die Vorstellung, einen mir gänzlich unbekannten Ort, sowohl geografisch als auch kulturell, kennen zu lernen. Indien ist für uns Europäer ein solcher Ort, denn obwohl in den großen Städten zumindest teilweise längst ein moderner, “westlicher” Wind weht und den Subkontinent dadurch zu einer international einflussreichen Wirtschaftsmacht werden lässt, lebt der traditionell indische Geist in den meisten Teilen des Landes und in allen Köpfen der Nation weiter. Diese Kultur ist zu beeindruckend, als dass der Einfluss des Westens wirklich spürbar werden könnte.

Ich habe mit einer Gruppe von 17 Mitschülern die Kleinstadt Tiruvannamalai im Bundesstaat Tamil Nadu besucht. Das Indien, dass ich dort kennen gelernt habe, erscheint dem europäischen Touristen zunächst wie ein reines Provisorium. Schiefe Häuserbaracken, unbefestigte Straßen, nicht die Spur einer Verkehrsordnung, Kühe mitten auf der Straße, Mütter, die mit ihrem Kleinkind auf dem Schoß Motorrad fahren, Schmutz, Dreck und Abfälle wohin man schaut, (ein Müllentsorgungssystem gibt es natürlich nicht), täglich Stromausfall – ein einzigartiges Chaos, in dem nichts und doch alles funktioniert, nämlich nach einer ganz eigenen, für den europäischen Touristen nur schwer durchschaubaren Struktur.

Dem ausländischen Besucher mag dieses Land zunächst wie eine einzige Herausforderung erscheinen. Wie kann man so hier leben? – diese Frage habe ich mir, voller Faszination und Abscheu, am Anfang häufig gestellt. Jetzt, wieder in Deutschland, sehne ich mich zurück nach Tiruvannamalai, in dieses erstaunliche Universum, das einerseits unerträglich und anstrengend sein mag, jedoch unzählige wertvolle Aspekte zu bieten hat, die mich nachhaltig sehr positiv beeindruckt und fasziniert haben und das Leben dort ganz offensichtlich lebenswert machen.

Die wichtigste Erfahrung, die mir von dieser Reise geblieben ist: wer am wenigsten hat, gibt am meisten. Nirgendwo habe ich bisher solche Gastfreundschaft und solche Herzlichkeit erlebt wie in Indien. Der Inder gibt, so klein sein Geldbeutel auch sein mag, für den Gast sein letztes Hemd. Mit bettelarmen Schulkindern pflanzten wir auf einem Feld Bäume und wurden anschließend voller Freude mit Kichererbsen und Kokosnüssen bewirtet. In einer anderen Schule wurden wir wie Könige begrüßt, strahlende Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und strengen Schuluniformen bewarfen uns mit Blumen. Woher nehmen diese Menschen, die in winzigen Kammern hausen und von täglich ums Überleben kämpfen, ihre ungestüme Lebensfreude? Die Armut ist schlimm in Indien, aber sie hat die Menschen dort auch zu Lebenskünstlern gemacht, die in den kleinen Dingen das größte Glück finden können. Von dieser Einstellung könnte sich so mancher griesgrämige Deutsche, der immerzu etwas zu beklagen hat, sicherlich ein paar Scheiben abschneiden.

Auch modisch betrachtet hat Indien einiges zu bieten: selbst die ärmsten Frauen laufen stets in einen prachtvollen, farbenfrohen Sari gekleidet herum. Dieses Gewand verleiht ihnen etwas Würdevolles, Elegantes, manchmal sogar Glamouröses. Natürlich steht hinter der Idee des Saris die strenge indische Kleiderordnung, die vorgibt, dass Frauen sich verhüllen müssen – und ja, das ist nicht gerade emanzipationsfördernd. In Sachen Gleichberechtigung hat Indien ohnehin noch ein gutes Stück Arbeit vor sich. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass der Sari gar nicht so unbequem ist, ich habe darin sogar mit vielen lustigen Indern um ein Lagerfeuer getanzt. Zudem gibt es keinen herrlicheren Anblick als eine indische Frau, die im Sari auf dem Motorrad durch die Straßen kurvt, so macht sie jedenfalls einen sehr selbstbewussten Eindruck.

Indien – das ist ein Land für alle Sinne. Man riecht den Gestank der Müllberge und den Duft der Gewürze, man hört das quirlige Gewusel auf den Straßen und das hysterische Hupen der Rikshas, man schmeckt die Schärfe des Garam Masala, man spürt die feuchte Hitze und den Staubfilm auf der Haut und man sieht diese immerzu freundlich strahlenden Menschen, wie sie auf diese ganz besondere Weise mit dem Kopf wackeln und voller Inbrunst sagen: Wanakkam!