Nike gehört die Welt

Bild: ©Pascal Rohé
Nike ist keine Marke, sondern eine Weltherrschaft. Man achte nur an einem einzigen Tag einmal aufmerksam auf der Straße darauf, was die Leute, egal ob stilsicher oder nachlässig gekleidet, jung oder alt, Mann oder Frau an den Füßen oder am Körper tragen – die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendwo das Häkchenlogo des amerikanischen Sportartikelherstellers findet, ist enorm hoch. 
Nike wurde 1972 in Beaverton im US-Bundesstaat Oregon gegründet und ist seit 1989 global führendes Unternehmen am Markt für Sportbekleidung.  Bei dem Firmentitel kein Wunder: schließlich trug schon die griechische Göttin des Sieges den Namen Nike. 

Erstmals etablierte Nike den Namen seinerseits im Bereich des Laufsports. Bei den Olympischen Spielen 1972 stattete der Hersteller den Leichtathleten Steve Prefontaine aus, der beim 5000-Meterlauf auf Platz 4 landete – und ab da gab es kein Halten mehr. Wen haben wir nicht schon alles in Nike-Schuhen rennen sehen! Auch Forrest Gump, der wohl liebenswerteste und sportlichste Charakter der Filmgeschichte, ist auf seiner spontanen Welttournee als Läufer natürlich in Sneakers des Nike-Imperiums unterwegs. Im selben Film ist übrigens auch die Rede von einem Unternehmen, das laut Forrest “irgendwas mit Obst macht” – und wenn an dieser Stelle die globale Relevanz von Apple und Nike gleichgestellt wird, ist diese Analogie sicherlich nicht zu hoch gegriffen. Beide Unternehmen befriedigen mit ihren Produkten grundlegende menschliche Bedürfnisse, verpackt in zeitgemäß minimalistisches und zugleich peppiges Design: Bewegung und Kommunikation.

So ist auch die aktuelle, global omnipräsente Running-Kampagne von Nike natürlich eine ziemlich clevere Idee, mit der sich das Unternehmen trotz lauernder Konkurrenten wie Asics oder Adidas weiterhin an vorderster Front zu behaupten weiß: denn gibt es eine natürliche, ursprünglichere Sportart, ein leichteres, freieres Gefühl als das Laufen? Die Menschheit hat seit Erfindung der Olympischen Spiele so einiges an Trendsportarten durchdekliniert, vom Ritterkampf im Mittelalter bis zu Ausdruckstanz, Aerobic und Zumba in der Neuzeit. Alles Schnickschnack, wenn man mich fragt, die ich mich früher mal an Bodenturnen, Rettungsschwimmen und Hockey versuchte und glücklicherweise bereits im Teenager-Alter meine Berufung im Laufsport fand. Gerne hätte ich in diesem Jahr auch am Berliner Marathon teilgenommen – leider verpasste ich allerdings den Anmeldeschluss, denn binnen drei Stunden nach Beginn des Registrierungstzeitraums war das Startplatzkontingent bereits komplett ausverkauft. Gäbe es einen aussagekräftigeren Beweis für die Popularität des Laufens?

Im Zuge dieser derzeit ganz offensichtlich wieder erstarkenden Leidenschaft für den Rennsport veranstaltete Nike am vergangenen Samstag nun als Teil der Running-Kampagne das knallbunte Lauf-Event “We own the Night” am Berliner Plötzensee. Zuvor waren bereits in London, Amsterdam und Barcelona lauter sportliche Damen bei zuckenden Licht-Effekten und Live-Musik die 10 Kilometer um die Wette gerannt, einen Tag nach dem sehr gelungenen Lauf in der deutschen Hauptstadt zog es in Paris Tausende Läuferinnen an den Start, am 31. Mai ist Mailand an der Reihe. In leuchtendem Neonorange überrollt Nike die europäischen Metropolen und verweist damit Powerplate und Yoga-Matte auf die billigen Plätze im Trendzirkus der Sportarten. Kein Wunder: denn zeitlos populär ist nur das, was ehrlich ist, und eine ehrlichere, echtere Bewegung als das Laufen gibt es nicht.

Alle Bilder: Pascal Rohé