Moral zum Anziehen

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Bangladesh ist ziemlich weit weg von Europa. 8869 Kilometer liegen zwischen Dhaka und Berlin. Aber diese Distanz ist ein Witz, betrachtet man sie unter den Umständen, dass Kunden der westlichen, sogenannten „Ersten Welt“, mit ihrem Kaufverhalten eine Massenindustrie fördern, die dank sklavenähnlicher Zustände in eben jenem doch so fernen Land gewährleistet wird.
Als ambitionierter Modeschöpfer mit moralischen Ansprüchen kann einen die Nachricht von dem verheerenden Einsturz einer bengalischen Bekleidungsfabrik, bei dem am 24. April 2013 1129 Menschen ums Leben kamen, bloß weil wir wohlhabenden Europäer so gerne Kleider und Handtaschen zu Billigpreisen konsumieren, gut und gerne in eine Sinneskrise stürzen. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? – ähnlich wie ein Metzger angesichts der Schlagzeilen von Legebatterien und überbevölkerten Schweinefarmen ratlos ist, mag auch ein Modeschöpfer am Sinn seines Berufsstandes zweifeln, wenn dieser für den Tod hunderter Menschen und tausender Verletzte verantwortlich zeichnen muss.

Aber die Frage nach dem Sinn bringt uns nicht weiter, weil hinter der Industrie der Luxusgüter, zu deren wichtigsten Produkten Mode und Bekleidung zählen, nun einmal kein rationaler Sinn steht. Weil Mode keinem höheren Nutzen, sondern bloß unserem Vergnügen dient. Umso rationaler und direkter hat jetzt Bobby Kolade, das zurzeit interessanteste Gesicht der Berliner Jungdesignerszene, auf die Unmoral der Bekleidungsindustrie geantwortet: mit einem Pullover, der das Ausmaß der Zerstörung vom 24. April in textiler Ausführung aufs Tableau bringt. Ein Kleidungsstück, das in simpelster Plakativität auf den teuflischen Misstand der Modewelt antwortet: das ist klug und gut gemacht. Bobby Kolade hat in dieser Saison keine neue Kollektion präsentiert, einzig diesen einfachen Pullover, hergestellt in einem chinesischen Sweatshop. Die Bilder hat der Künstler Manu Washaus aufgenommen, der Pullover ist Teil seiner Serie Study of the Possible, die alltägliche Gegenstände mit politischen Botschaften verbindet. >>

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Der Träger, die Trägerin dieses Kleidungsstücks – das werden wir sein, Konsumenten der westlichen Welt, indirekt verantwortlich für das, was dann da vorne auf unserer Brust zu sehen sein wird. Der Pullover schreit kein Statement, keinen lauten Spruch in die Welt hinaus. Es sind nur diese Bilder, die wir sehen, so oft wir diesen Pullover anziehen; Bilder, die vor sechs Monaten für großes Entsetzen sorgten und anschließend viel zu schnell wieder aus den Medien und damit unserem Bewusstsein verschwanden. Wir waren empört darüber, dass in einer Stadt, die 8869 Kilometer ist, einfach so eine Fabrik einstürzte. Danach sind wir trotzdem wieder zu ZARA gegangen. Wie viel Anti-Logik kann man sich zum Zweck der eigenen Geiz-ist-geil-Mentalität noch erlauben? Die Antwort: gar keine. Deshalb ist der Pullover von Bobby Kolade eine der seltenen wirklich sinnvollen Ideen der Modewelt. Und deshalb habe ich nun offiziell aufgehört, bei ZARA einzukaufen. Das mag in Anbetracht der Tatsache, dass es außer der spanischen Modekette noch zig andere Unternehmen gibt, die Sklavenarbeit in Bangladesh fördern, ziemlich kläglich klingen. Aber irgendwo und irgendwann muss man als Konsument ja mal anfangen zu handeln. Wer macht mit?

©Konstantin Laschkow