Purismus mal verwinkelt

CHRISTIAN WIJNANTS HEISST DER 7. DESIGNER DER ANTWERP 6


Neulich haben sich hier zwei LeserInnen beschwert, ich würde ständig über minimalistische Mode berichten und immer dieselben Labels, zum Beispiel Céline und Dior,  über den grünen Klee loben. Ich glaube, ich schrieb in jenem Artikel, unter dem ich die Kommentare fand, etwas davon, dass die Kundschaft der Luxusmarken in Russland und China wohl noch nicht auf die aktuell so gehypte Ästhetik des Zurückhaltend-Zerzausten gekommen sei. Das war gar nicht oberschlau gemeint. Es ist aber doch einfach deutlich zu beobachten, dass sich der Stil der westlichen Modewelt vom Geschmack der östlichen gravierend unterscheidet. Vielleicht werden sich die Chinesinnen dem reduzierten Birkenstock-Chic britischer Moderedakteurinnen eines Tages anschließen. Muss aber auch nicht sein.

Wie dem auch sei, der Doppelkommentar gab mir zu denken. Phoebe Philo und Raf Simons werden hier tatsächlich in jedem dritten Artikel erwähnt, und auch wenn ich der Mode gegenüber doch wirklich offen eingestellt bin und fast jeden noch so knallbunten Paradiesvogel gerne in mein Herz schließe, oute ich mich hier ganz ehrlich als Anhängerin des schnörkellosen Stils. Raffinesse ist für mich, im Unbesonderen das Besondere zu finden. Ich wage zu behaupten, dass auch talentlose Menschen in der Lage wären, ein total abgefahrenes Kleid aus regenbogenfarbenen Rüschen, Lametta und gelöcherten Mülltüten zu entwerfen. Ein Entwurf aber, der erst im Detail seine special effects enthüllt, der auf unprätentiöse Weise innovativ und mutig ist, ohne kreischende Farbkombinationen oder Materialien aus der Raumfahrt, mag vielleicht nicht die größere Kunst sein, ganz sicher aber ein außergewöhnliches Fingerspitzengefühl erfordern.

Bei Céline gelingen diese Kreationen allsaisonal, bei Chloé, bei Dior, bei Dries van Noten. Tut mir leid, ich muss sie schon wieder alle nennen! Aber diese Designer verstehen es nunmal, den Zeitgeist zu erfassen, in Kleider zu übersetzen und damit entscheidend die Optik dessen, was wir heute als schön empfinden, zu beeinflussen. Das ist Mode. Dabei bilden die erfolgreichen Minimalisten unserer Zeit durchaus keinen geschlossenen Club – vielmehr bringen sie immer wieder neue Visionäre hervor, die mit jenem besonderen Feingeist aus der Masse der Abermillionen Jungdesigner hervorstechen. Einer von ihnen ist Christian Wijnants: der vielleicht vielversprechendste junge Modeschöpfer, den die Hauptstadt der jugendlichen Modeavantgarde, nämlich Antwerpen, gerade zu bieten hat. Und damit endlich mal ein neuer Name in der ewig gleichen Runde meiner Lieblingsdesigner!

Als die Antwerp 6, jene legendäre Designertruppe um Ann Demeulemeester, Walter van Beirendonck, Dries van Noten, Raf Simons, Dirk van Saene, Dirk Bikkembergs und Marina Yee, in den 80er Jahren die internationale Modewelt aufzufrischen begannen, war Christian Wijnants gerade 13 Jahre alt. Zwei Jahrzehnte später führt er den Geist der belgischen Pioniere fort, ohne bei aller Fortschrittlichkeit die Bodenhaftung zu verlieren – Wijnants’ Entwürfe sind puristisch-modern, teils konzeptuell angehaucht und dabei immer erfrischend tragbar. Von typischer Jungdesigner-Abstraktion, die sich gerne mal in Oberteilen mit mysteriösen Kapuzenelementen oder zeltartigen Capes aus aufgeplusterten Kunststoffballons äußert, fehlt hier jede Spur.

Christian Wijnants ist nicht pseudo-innovativ oder um krampfhafte Effekthascherei bemüht, sondern entwickelt Saison für Saison eine eigensinnige Idee androgyner Lässigkeit, garniert mit überraschendem Styling und starken Farbkombinationen. In seiner aktuellen Sommerkollektion ist der Einfluss Dries van Notens, bei dem er als Assistent in die Lehre ging, unübersehbar: für die luftig drapierten Seidenkleider, karierten Hemden mit flatternden Volants und geschnürten Croptops ließ sich Wijnants von nichts minder Exotischem als der Garderobe islamischer Basketballspielerinnen in Somalia inspirieren. Mutig zum flatternden Seidenkleid: die weißen Lederstiefel und Tennissocken mit Rüschensaum.

Auch in der kommenden Winterkollektion, deren Präsentation ich mir im März in Paris aus nächster Nähe anschauen durfte, setzt Christian Wijnants auf flotte Accessoires und kombiniert armlange Lederhandschuhe in fruchtigen Farben zu gesteppten Minikleidern, Hochwasserhosen, eleganten Mänteln mit ausladenden Reverskragen und Wollbermudas. Vor allem bleiben aber die Teile aus Strick in Erinnerung, das ochsenblutrote Bustiertop, das knielange Kleid aus creme- und rostfarbenem Patchwork, und der melierte Print, der aus der Ferne wie ein kompliziertes Strickmuster wirkt – das ist nämlich Wijnants Handarbeits-Spezialität, für die er schon ein paar hochdotierte Preise abräumen durfte, zum Beispiel den Grand Prix des Festivals d’Hyères.

Christian Wijnants Geheimrezept: eine Art Purismus auf Umwegen, nicht geradlinig, eher verwinkelt. Für den Begriff der schlichten Tragbarkeit ist sein Stil zu zwiespältig, pendelt irgendwo zwischen knabenhafter Androgynität und selbstbewusster Verspieltheit. Mit diesem Programm hat es das belgische Nachwuchstalent, im eigenen Haus tätig seit 2003, schon in so namhafte Geschäfte wie Barneys, Harvey Nichols und Hunting and Collecting geschafft. In Deutschland gibt es die Kreationen unter anderem bei Schwittenberg zu kaufen. Das Erbe der Antwerp 6 ist eben nicht umsonsten eine der reichsten Quellen, aus denen die Modewelt heute schöpfen kann. Und Christian Wijnants mag vielleicht Minimalist sein – jedoch ganz bestimmt keiner, der auf geraden Pfaden wandelt.

Laufstegbilder via style.com und PR. Alle Outfitbilder von Sandra Semburg. Kleid: Christian Wijnants. Mantel: Avelon. Schuhe: Fratelli Rossetti. Gemusterte Jeansjacke: Wood Wood.