Lasst uns faul und munter sein

WAS IST GESÜNDER – SEHR VIEL ODER SO WENIG WIE MÖGLICH ZU ARBEITEN?

tumblr_oh5l8kzqic1qafi93o1_500Mit diesem Artikel anzufangen, hat mich große Überwindung gekostet. Sehr große Überwindung. Dass ich mich zum Schreiben überwinden musste, hat nichts mit dem Thema zu tun, überwinden muss ich mich oft, egal ob ich über grüne Handtaschen oder das Leid der Überwindung schreibe. Hier sitze ich also und habe keine Lust zu arbeiten. Ich habe aber auch keine Lust, nicht zu arbeiten, ja, tatsächlich finde ich es noch viel schrecklicher, nicht zu arbeiten, als zu arbeiten. Wenn ich erstmal damit angefangen habe, macht die Arbeit ja Spaß. Faulsein macht mir überhaupt keinen Spaß. Trotzdem bin ich erstaunlich häufig faul. Komisch, oder? Das ist doch ungefähr so, als würde ich ständig Lakritz essen, obwohl mir Lakritz überhaupt nicht schmecken. Was bin ich, eine Masochistin?

Ich denke eigentlich jeden Tag, dass ich zu wenig arbeite. Die Anzahl der Tage, an denen ich erschöpft nach Hause komme, weil ich noch vor dem Sonnenaufgang durch den Park gejoggt bin, im Büro drei erfolgreiche Meetings absolviert, 150 Emails geschrieben, zwei gelungene Artikel produziert und nebenbei sieben Ideen für neue Geschichten entwickelt habe, ist überschaubar. An genau diesen Tagen aber bin ich am glücklichsten. Es treibt mich in den Wahnsinn, dass ich nicht alle meine Tage so gestalten kann. Meine Form ist unberechenbar, manchmal kommen mir haufenweise tolle Ideen, manchmal gar keine. Nichts zu tun und sehr viel zu tun strengt mich aber leider gleich doll an. Ich kann meine faulen Phasen nicht nutzen, um meine Batterien aufzuladen. Ich verbringe sie damit, mich über meine Faulheit aufzuregen, fünf Tassen Tee zu kochen, nervös auf meinem Stuhl zu wippen und mich gleichzeitig für all das zu hassen.

Manchmal habe ich unterwegs, zum Beispiel auf dem Fahrrad, ganz fantastische Spontaneinfälle. Dann rauscht das Adrenalin durch meine Adern, ich muss anhalten und wie besessen alle Ideen in mein Handy tippen: für neue Artikel, für ein neues Website-Layout, für meine Wohnzimmereinrichtung, für Outfits, sogar für Salatkombinationen. „Sobald ich zuhause bin“, denke ich dann voller Euphorie, „fange ich sofort an und streiche mein Zimmer blau und schreibe einen Artikel über Jazzmusik, und dann baue ich ein Lebkuchenhaus und koche eine Hühnersuppe und schicke allen meinen libanesischen Verwandten handgeschriebene Weihnachtskarten!“

Aber kaum bin ich zuhause angekommen, überfällt mich eine urplötzliche Müdigkeit. Jetzt ein Zimmer streichen? Was kochen? Ein Lebkuchenhaus bauen? Weihnachtskarten schreiben? Woaa, nee. Statt selbstgekochter Hühnersuppe esse ich ein Käsebrot (im Stehen), und statt den Artikel zu schreiben, schaue ich mir eine Dreiviertelstunde lang Möbel im Internet an, die ich mir nicht leisten kann. Dann lese ich in einem Artikel auf Man Repeller von Leandra Medines Sonntagsprogramm (Aufstehen um 9 Uhr, Frühstück, New York Times lesen, zwei Stunden schreiben, Spaziergang, eine Stunde Recherche für einen neuen Artikel, Abendessen, Styling-Vorbereitung für ein anstehendes Shooting) und bin anschließend endgültig ratlos, was einmal aus mir werden soll, denn Leandra Medine schafft nach eigenen Angaben sogar an einem Sonntag mehr als ich in einer ganzen Woche. Also, kommt mir jedenfalls so vor.

Das ist nämlich das allergrößte Problem an der ganzen Sache: tatsächlich kann ich gar nicht genau sagen, wie faul ich wirklich bin. Ich arbeite fast Vollzeit beim ZEITmagazin. Den Rest der Zeit denke ich mir Geschichten aus, recherchiere, lese und schreibe für dieses Blog. Weil ich pausenlos über meine Arbeit nachdenke, habe ich das Gefühl, eigentlich immer zu arbeiten, sogar unter der Dusche. Oder zählt das nicht als Arbeit? Manche Leute halten mich für extrem fleißig. Aber Fleiß ist relativ. Ab wieviel Arbeit arbeitet man viel? Ist es eine Sünde, sich nach einer großen Leistung kurz mal auf den Lorbeeren auszuruhen? Was ist eine große Leistung – ein Artikel pro Tag, zwei Artikel pro Woche? Sollte ich jeden Tag Sport machen, oder reichen drei Mal pro Woche, bin ich damit vielleicht sogar überdurchschnittlich sportlich? Ist es eigentlich gesünder, extrem viel oder so wenig wie möglich zu arbeiten? Faulenzen alle Leute zwischendurch, oder bin ich die einzige, die alle halbe Stunde 10 Minuten lang durch Instagram scrollen muss?

Dazu fällt mir ein, dass ich jedes Mal, nachdem ich durch Instagram gescrollt habe, weil ich mit der Arbeit gerade nicht weiter kam, noch viel erschöpfter bin als vorher. Instagram ist total demotivierend, und wahrscheinlich sogar der Grund dafür, dass ich eine so verzerrte Wahrnehmung von meiner und der Produktivität anderer habe. Auf Instagram ist nämlich jeder ein High Performer – bis auf den Betrachter selbst, der am Freitagabend um halb sieben verdreht auf dem Bett liegt und mit glasigem Blick durch die Timelines wischt. Da posten Leute Bilder aus dem Fitnessstudio („daily workout“), aus dem Swimming Pool in Los Angeles („business trip“), aus dem Büro („9 to 5 ist für Spießer“). Sie weisen auf neue Artikel, Videos, Fotoprojekte oder sonstige Produkte ihrer unglaublichen Leistungsfähigkeit hin und fordern damit zum Leistungsvergleich auf. Wer schafft am meisten, wer ist am beschäftigsten? Früher musste man sich von den Erfolgsgeschichten anderer nur einmal im Jahr einschüchtern lassen, nämlich beim Klassentreffen. Heute ist man ihnen permanent schutzlos ausgesetzt. Erfolg macht sexy. Sexy wollen alle sein. Deshalb würde man niemals zugeben, dass man mit seinem Blumenladen pleite gegangen ist und den Montagvormittag in der Badewanne verbracht hat.

„Total volle Woche gerade bei mir“, „bin super busy“, „hab‘ gerade ein übervolles Programm“ – auf die Frage „Wie geht es dir?“ antworten viele Leute heute nur noch so. Man erzählt von seinen Projekten, seinen Geschäftsreisen, den tollen, natürlich „echt anspruchsvollen“ Aufgaben, die man in der Firma jetzt übernimmt, und schickt zwei Monate später eine Postkarte aus einem balinesischen Hideaway. Solche Reisen kann man sich jetzt, wo man so busy ist, nämlich leisten. Ein paar Jahre später hat man dann plötzlich ein „Burn-Out“ und widmet sich fortan der Entschleunigung. „Ich habe total verlernt, auf meine innere Stimme zu hören“, so das Gejammer, „bin nur noch von Deadline zu Deadline gehetzt! Sogar als ich krank war, habe ich gearbeitet! Jetzt habe ich endlich gelernt, die Reißleine zu ziehen!“

Ich kann dieses Entschleunigungslaber nicht mehr hören. Erst mit seiner Dauerproduktivität angeben und dann so tun, als sei Arbeit nur was für armselige Opfer der Leistungsgesellschaft, die noch nicht gelernt haben, auf ihre „innere Stimme“ zu hören – das passt nicht zusammen. Sogar kinderlose Mittzwanziger reden heute daher, als seien sie mindestens so gestresst wie das Vorstandsmitglied eines DAX-Unternehmens. Entschleunigen ist zum Statussymbol geworden, denn wer entschleunigt, muss ja vorher richtig geleistet haben. Wer dagegen noch nicht entschleunigungsreif ist, sollte wahrscheinlich härter arbeiten. Es ist ein Teufelskreis.

Kein Wunder also, dass ich in einem solchen Umfeld gar nicht mehr weiß, wie produktiv ich selbst bin. Ich wünschte, es gäbe mehr gesellschaftliche Akzeptanz für Faulheit. Nicht, weil ich finde, dass wir alle fauler werden sollten, sondern weil Faulheit eine Schwäche ist, die sowieso jeder kennt. Gerade in kreativen Berufen braucht man viel Zeit zum verschwenden, weil die besten Ideen dann kommen, wenn man sie nicht erzwingt. „Manchmal trifft es einen wie ein Blitz, und die Songs sprudeln nur so hervor“, sagte Bruce Springsteen neulich im ZEITmagazin. „Da schreibe ich dann mehrere Songs an einem Tag. Und dann kann es wieder endlos dauern, manchmal Jahre, bis etwas Brauchbares kommt.“ Er habe sich Geduld angewöhnt, sagte Springsteen. Das halte ich für die reifste Lösung überhaupt. Ich glaube nicht, dass die gegenseitige Leistungsangeberei einen sinnvollen Wettbewerb erzeugt, der sicherstellt, damit man überhaupt irgendwas zustande bringt. Die allgemeine Motivation und damit Produktivität würde nicht sinken, wenn mehr Leute zugeben würden, dass sie gelegentlich mal faulenzen. Stattdessen würde man sich während der faulen Phasen weniger über sich selbst ärgern, die Zeit nutzen, um seine Kräfte zu bündeln – und damit vielleicht sogar die leidige Überwindung aus der Welt schaffen.

Heute Nachmittag habe ich früher das Büro verlassen, um zuhause zu schreiben. Aber als ich zuhause ankam, überkam mich die altbekannte Müdigkeit. Also machte ich etwas total Verwegenes: ich legte mich ins Bett. Das habe ich noch nie gemacht – an einem Mittwochnachmittag geschlafen! Am frühen Abend wachte ich mit einer zündenden Idee auf. Und hatte richtig Lust zu arbeiten.

Foto: Michel Pudelka

  • Susi
    Vielen Dank für diesen Kommentar! Ich warte auch darauf, dass dieser Hochleistungs-Wettbewerb und die Burn-Out-Epidemie aufhören. Die Entschleuniger machen meiner Meinung nach ja sehr viel richtig. Aber das dann als neue Lebensphilosophie zu zelebrieren, anstatt einfach unverblümt ein bisschen Faulheit zu wagen, reproduziert – wie du so schön beschrieben hast – wieder genau dasselbe Hochleistungsideal. Ich hoffe trotzdem, dass da (z.B. mit den 35h-Woche-Experimenten in Schweden) inzwischen ein Prozess in Gange ist.