Berlin, orangefarben

Ich bin umgezogen, deshalb ist hier in den letzten Tagen solch eine Totenstille eingetreten. Das Haus, in dem ich jetzt wohne, ist orange, und irgendwie passt diese Farbe zu Berlin, einer Stadt, die ich in nur einem Monat auf ganz besondere Art lieben gelernt habe. Berlin ist orange, weil Herbst ist, aber auch, weil diese herrliche Metropole einen einzigartigen, manchmal etwas nostalgischen und zugleich immer progressiven Charme hat, heruntergekommene Häuserfassaden mit alten Neonschriftzügen aus DDR-Zeiten, idyllische kleine Parks mitten in der Stadt, in denen die leuchtenden Farben des Herbstlaubs im dunstigen Sonnenlicht schimmern, und Restaurants, die aussehen wie alte Imbissbuden, dabei aber feinste französische Küche servieren. Die Menschen in dieser Stadt sehen manchmal alle gleich aus mit ihren gekrempelten Hosen, den luftigen Mützen und New-Balance-Sneakern, und doch wollen sie vielleicht alle was Anderes sein als der Nachbar in der angrenzenden Altbauwohnung mit Stuck und Dielen, die der sich dank zäher, monatelanger Suche irgendwann geschnappt hat.

Vielleicht täusche ich mich auch, und diese Stadt ist eigentlich grau wie ein übrig gebliebenes Stück der Berliner Mauer, spätestens dann, wenn die Bäume ihr letztes orangefarbenes Blatt verloren haben und und die Farben bei eisigen Minusgraden zu öder Tristesse gefrieren.
Aber selbst dann wird Berlin immer noch von innen herausleuchten. Diese Stadt, die wie Phoenix aus der Asche neugeboren wurde, hat Energie und Dynamik, ist feurig und manchmal ein bisschen retro-orange wie ein alter Sessel aus den Siebziger Jahren, den sich der junge Berliner heutzutage ins Wohnzimmer stellt.

Glaube ich.

5 thoughts on “Berlin, orangefarben

  1. Claire, nicht so vage! Du hast mit deinem Eindruck bzgl. Berlin sicher recht! Sei bestimmt und steh wie in deinen ersten Artikeln zu deiner Meinung. Lass dich nicht von kritischen Kommentaren einschüchtern. Das hier ist dein Reich, du darfst äußern, was du willst !

    Deine Bilder sind wirklich ganz wunderbar, v.a. gefallen mir die Violinenohrringe der Berliner Lady !

  2. Ich finde gerade dieses "vage" passt sehr gut zur Stimmung der Bilder und zur Stimmung in Berlin, bzw. gibt diese Beschreibung den Bildern vielleicht auch die Stimmung beim anschließenden Betrachten…Außerdem ist es doch ein sehr vages Gefühl, wenn man neu in einer Stadt ankommt. Mir hat der Text mit anschließendem Betrachten der Bilder jedenfalls besonders gut gefallen.
  3. Hah! Da hat sich mein hässlicher schwarzer Motorroller auf deinem Bild verirrt – morgen stelle ich ihn weg, sicher haben sich schon viele Fotografen und Fans des Gebäudes ob dessen geärgert, hehe.
    Ich finde es so spannend, dein Einleben in Berlin hier mitverfolgen zu dürfen.
    Mehr von dir und Berlin, bitte!

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