Von modischen Gucklöchern

Clutch: Weekday, Brille: & Other Stories

Dass wir in einer Welt des hemmungslosen Mitteilungswahns leben, ist spätestens seit Erfindung der Foto-Applikation Instagram keine große Neuigkeit mehr. Quasi im Sekundentakt informieren Freunde und Fremde über Müslischaleninhalte, Hotelzimmeraussichten, Kleiderschrankneuzugänge. Die Idee der lustigen Wanduhr, die in J.K. Rowling’s Roman Harry Potter bei den Weasleys im Wohnzimmer steht und jederzeit anzeigt, wo sich welches Familienmitglied gerade aufhält, ist in der Realität angekommen. Rund um die Uhr wissen wir genau Bescheid über die Gepflogenheiten unseres weit gespannten sozialen Umfelds, was wer genau gerade wo mit wem und wie und warum treibt. X. ist zum Spargelessen in Clärchens Ballhaus in Berlin, Y. sonnt sich in Dubai am Pool des Luxushotels The Palace, Z., wohnhaft irgendwo am Hermannplatz, schaut vorm Schlafengehen noch eine Folge Girls, W. spaziert gerade mit S. um die Alster, und, ach ja, @V. ist ebenfalls dabei!

Auch über die Grenzen von „Amaro“ oder „Lo-Fi“Filter hinaus kennen unser Mitteilungsbedürfnis und das Bedürfnis nach Mitteilung anderer keine Hemmungen. Schon immer haben Modemagazine und Lifestyle-Blogs gerne mit detaillierten Homestories, Garderobenchecks und Badezimmer-Reportagen in die Häuser und Kleiderschränke wildfremder Leute und Prominente eingeladen. Wie wohnt eigentlich Dita von Teese? Wie viele Paar Schuhe besitzt Leandra Medine? Welche Tagescreme benutzt Lesmads-Chefin Katja Schweitzberger? Fragen über Fragen, Antworten über Antworten. Die ganze Welt ist ein einziges Guckloch geworden.

Als Krönung dieses ganzen Wahnsinns sind in dieser Saison nun auch unsere Handtaschen vor neugierigen Einblicken nicht mehr sicher. Bei Valentino mögen einige sparsam auf der plexigläsernen Oberfläche einer Clutchbag platzierte Nieten die Sicht noch etwas behindern, während das gelb leuchtende Modell von Burberry Prorsum gnadenlos seinen kompletten Inhalt exponiert. Die lustige Charlotte Olympia hat Täschchen in Form von Parfumflakons entworfen, die natürlich, wie jeder echte Parfumflakon auch, durchsichtig sind. Stella McCartney’s kristallglänzende Kreation ließe sich möglicherweise sogar als 3-D-Brille zweckentfremden. Persönlichen Kleinkram sollte man darin jedenfalls besser nicht verstauen.

Das Interview Magazine findet: „Durchsichtige Taschen fordern äußerste Disziplin, was den Inhalt betrifft, sie sind nicht unbedingt diskret, und sie gehören zum Zeitgemäßesten, was eine Frau sich in diesen Tagen unter den Arm klemmen kann.“

Ob diese Modeerscheinung tatsächlich mit unserem so lax gewordenen Umgang mit der individuellen Intimsphäre und der gleichfalls ausgeprägten Sensationslust, mit der wir Instagram-Accounts und Kleiderschrankreports anderer Leute durchscrollen, zusammen hängt? Wem es bei diesem möglichen Gedankengang ebenso gruselt wie mir selbst auch, dem empfehle ich, die ich natürlich ebenfalls über eine transparente Handtasche sowie diverse Social-Media-Profile verfüge, zu besagtem Accessoire eine mindestens ebenso zeitgemäße Spiegelsonnenbrille zu kombinieren. Die verhindert nämlich wenigstens, dass uns andere Leute forsch und neugierig in die Augen sehen können.

5 thoughts on “Von modischen Gucklöchern

  1. Ich muss gestehen, nachdem ich den Artikel gelesen habe, kommt mir eine herkömmliche, blickdichte Tasche augenblicklich vor wie eine mittelalterliche Burg: Schwer zugänglich und mit zuweilen plumper, trotziger Anmutung. Die transparente Tasche ist ganz klar von heute, kompromisslos modern wie das Rolex Learning Center von Sejima & Nishizawa in Lausanne (derzeit zu sehen bei Arte+7). Wenn auch die Burg ihre Qualitäten und das Glashaus nicht nur Vorteile hat, so zeigt doch die direkte Konfrontation, dass letzteres zweifellos das Momentum der Mode für sich beanspruchen kann. Von der Burg haben wir eine genaue Vorstellung, sie bietet uns keine neuen Erfahrungen oder gar Überraschendes.

    Mir scheint bei der durchsichtigen Taschenmode aber noch etwas anderes eine Rolle zu spielen: Die mitgeführten Gegenstände werden zunehmend in den Rang kleiner Statussymbole erhoben, die über die Funktion hinaus einem ästhetischen Anspruch genügen sollen. Nach juwelenähnlichen Smartphones, ledernen Notizbüchern in Knallfarben und Autoschlüsseln, die farblich mit der Innenausstattung oder Lackfarbe korrespondieren, erwarte ich eigentlich nur noch Taschentücherpackungen von Prada. Ist es da nicht konsequent, dass wir nach einer angemessenen Vitrine dafür verlangen? Sind wir nicht darauf konditioniert, alles hinter einem Schaufenster ein Stück begehrlicher zu finden?

    Dass derartige Privatsphäredefizite an anderer Stelle kompensiert werden wollen, sehe ich genauso. Dazu passt beispielsweise das überdurchschnittlich häufige Single-Dasein der Menschen in Großstädten bei gleichzeitig hoher Social-Media-Affinität. Ein riesiges Museum: Nur gucken, nichts anfassen.

    Mir gefallen Sie aber ebenfalls ausgesprochen gut, diese Spiegelgläser. Das Absetzen im richtigen Moment ist schließlich auch eine wirkungsvolle Geste!

  2. Diese Taschen sind die ultimative Hingabe zur Mode. Nach Kleidung, Visage und Handtasche ist man mit diesen Exemplaren gezwungen, auch noch den Inhalt durchzustylen. Es heißt Abschied nehmen vom "Alles hinein, was man unterwegs so brauchen könnte", denn das sähe unordentlich aus. Stattdessen wollen Smartphone und Kopfhörer sorgsam neben Moleskine-Notizbuch, Montblanc-Füller und Prada-Taschentüchern hindrapiert werden. Auf alles Weitere wird um des stylishen Minimalismus Willen verzichtet.

    Ernsthaft?

  3. Haha! Oder man trägt den unordentlichen Tascheninhalt samt Tampons und zerknülltem Kaugummipapier trotzig vor sich her 🙂
    @Claire, zeig uns die Tasche doch mal nicht leer, sondern im Alltagseinsatz!

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