Das Post-Urlaubs-Survival-Kit

ALLES HAT EIN ENDE. LEIDER AUCH DER URLAUB.

tumblr_lxgrmfTN7N1qzo45to1_1280Abschiede sind schrecklich. Ich habe schon als Kind furchtbar darunter gelitten. Der Tag Anfang Januar, an dem wir den Weihnachtsbaum verabschiedeten, bedeutete für mich das kalte Grauen. Dass Weihnachten eines Tages wiederkommen würde, wusste man allerdings. Aber wann würde man wohl das nächste Mal Götterspeise essen dürfen, bei uns zuhause eine Seltenheit? Den letzten Rest Waldmeisterpudding im Becher verabschieden zu müssen – herzzerreißend, selbst wenn er im eigenen Schlund verschwand. Überhaupt, der Abschied von einem großartigen Abendessen, der letzte Haps Schokoladenfondant, der letzte Schluck Espresso, die allerletzte Praline…ein Schmerz ohnegleichen. Und dabei doch so vorhersehbar, wie alle Abschiede!

Ein Abschied ist immer auch ein kleiner Tod. In diesem Sinne bereitet uns das Leben ständig auf das Sterben vor: indem es uns immer wieder vor Augen führt, dass alles, die banalen wie die schönen Dinge, ein Ende haben. Urlaub zum Beispiel.

Schon zu Schulzeiten breitete sich eine Woche vor dem letzten Tag der großen Ferien ein großer schwerer Kloß in meinem Hals aus. Die letzten freien Tage sausten vorbei, die Sorglosigkeit des endlosen Nichtstuns schmolz dahin, der Sommer verabschiedete sich. War man noch auf Reisen, brach die letzte Nacht im Hotel an: ein letztes Mal mit Blick auf den Ozean einschlafen, ein letztes Mal morgens im Pool schwimmen, ein letztes Mal vier Portionen Honigmelone und neun Pancakes zum Frühstück essen, aber eigentlich macht das alles schon gar keinen Spaß mehr, denn man weiß ja, man tut es zum letzten Mal.

Dann kommt man Zuhause an, schließt die Haustür auf, es riecht staubig und irgendwie fremd, die Koffer sind voll dreckiger Wäsche, der Kühlschrank ist leer, auf der Straße häuft sich das erste Herbstlaub, es regnet. Kaum zu glauben, dass man noch vor wenigen Stunden am Mittelmeerstrand lag. Die Erholung scheint wie weggeblasen, man ist wie gelähmt vom plötzlichen Verlust des Urlaubs.

Am nächsten Tag geht man wieder in die Schule oder ins Büro. „Na, wie war der Urlaub?“ fragen sie einen beiläufig, und am liebsten würde man ansetzen zu lautem Wehgeschrei: „Es war so schön! Der beste Urlaub meines Lebens! Ich will zurück! Hier ist es schrecklich!“ aber so was will erstens keiner hören, der nicht gerade selbst aus dem Urlaub kommt, und zweitens ist es auch irgendwie unpassend, sich zu beschweren, wenn man gerade zwei Wochen im schönsten Ferienparadies verbringen durfte.

Tatsächlich haben wir es bei der Post-Urlaubs-Depression mit einem klassischen Luxusproblem zu tun. Aber Luxusprobleme sind auch Probleme. Ein schöner Urlaub ist wie ein Rausch, ein Trip, von dem man erstmal wieder runterkommen muss. Das Ende vom Urlaub ist kalter Entzug. Entzug ist nie schön, deshalb brauchen wir nach der Herrlichkeit des Nichtstuns ein paar sanfte Enturlaubungsmaßnahmen. Nach vielen Erfahrungen deprimiertester Nachurlaubstrübsal kann ich mich mittlerweile Expertin in diesem Bereich nennen und präsentiere daher heute, pünktlich zum Ende des Sommerlochs, Clairettes ultimatives Post-Urlaubs-Survival-Kit. Und hier ist es schon. Kopf hoch, liebe Freunde! Gemeinsam sind wir stark.

Urlaub kann man essen.

Reisen tut man, um sein altbekanntes Umfeld hinterher mit anderen Augen zu sehen. Zum Beispiel die Küche. Statt sich zu grämen, dass man nach all dem schönen Essengehen und Bedientwerden nun wieder selbst kochen muss, sollte man die kulinarischen Neuentdeckungen aus dem Urlaub zuhause einfach nachkochen. Das macht Spaß! In Spanien schmeckte die Paella so köstlich? Der Paella hinterher zu jammern hilft auch nichts. Los, selber kochen (hier gibt’s ein gutes Rezept)! Auf Capri gab es jeden Tag gegrillte Riesengarnelen? Dann nichts wie ran an den Herd, Shrimps braten! Das Ende eines Urlaubs ist wie ein Begräbnis. Man braucht danach dringend etwas Gutes zu essen.

Trinken hilft.

Was spricht gegen einen Campari Orange um 17 Uhr? Die Italiener haben ihren Aperitivo, die Engländer den 5-O’Clock-Tea – nur der Deutsche arbeitet sich natürlich brav durch das Spätnachmittagstief. Warum wurde die frohe Stunde noch nicht in deutschen Bürohäusern etabliert? Nichts wirkt belebender als ein eisgekühlter Aperitif am Vorabend, einzunehmen im Licht der Spätsommersonne, die auch hierzulande noch ganz schön scheint, es muss ja nicht immer Kalifornien sein. Dazu schließt man die Augen, stellt sich vor, man sei sehr wohl in Kalifornien und snackt ein paar Karotten zum Drink. Das Orange der Rüben soll angeblich die Bräune pflegen.

Eine Badewanne ist auch eine Art Swimming Pool.

Von „Pretty Woman“ haben wir gelernt, dass man nie, nie, nie in einem Haus ohne Badewanne wohnen sollte. Die Badewanne stimmt uns froh, wenn wir den südfranzösischen Swimming Pool gerade allzu schmerzlich vermissen. Sie ist der heiterste, hedonistischste Ort des Hauses, tatsächlich sowas wie die kleine Schwester des Swimming Pools, sie hat was von altehrwürdigem Grand Hotel und birgt zugleich die sorglosesten aller Kindheitserinnerungen. Ich habe früher gerne mit meiner Schwester geplanscht, aus Strohhalmen bastelten wir uns Tauchermasken, die Badewanne wurde zur Tiefsee. Heute reichen ein iPod mit passender Musik, viel Schaum und vielleicht noch ein freundlicher Lieblingsmensch, der mir eisgekühlten Bellini am Wannenrand serviert.

 Instagram ist unbedingt zu vermeiden.

Ein Hort der Schadenfreude ist die App Instagram, auf der noch-urlaubende Arschlöcher ihrer Umwelt gerne mitteilen, wie gut sie sich gerade mit ihren Freunden, viel Alkohol, Donuts und Kaviar auf einer Yacht im Mittelmeer amüsieren. Im Zuge einer erfolgreichen Urlaubsentzugstherapie sollte der Nicht-mehr-Urlaubende Instagram daher für mindestens 14 Tage meiden. Danach wird die Urlaubsangeberei langsam wieder erträglich. Nach 21 Tagen ist man über den Berg. „Ein Glück bin ich erwerbstätig“, denkt man dann erleichtert beim zehnten Anblick eines Idioten mit Weinglas und weißem Boot im Bildhintergrund. Urlaub allein macht schließlich auch nicht glücklich. Selbst wenn Instagram es so aussehen lässt.

Reminder: Einen Badeanzug kann man auch abseits vom Strand tragen.

Badeanzüge nur zum Baden anziehen? Tse! Der Badeanzug liebt alternative Einsatzgebiete. Echte Badenixen brauchen keinen Strand, sie fühlen sich in unterschiedlichsten Lebensräumen heimisch. Sie tragen ihren Badeanzug zum Frühstück, Mittag- und Abendessen, mit Shorts beim Einkaufen, mit Paillettenrock beim Ausgehen, im Winter unterm Pelzmantel.

Ausbrechen.

Warum unternimmt man im Urlaub ständig aufregende Sachen – Windsurfen, Kamelreiten, Berggipfel erklimmen, Sonnenaufgänge anschauen – und bleibt im Alltag ein langweiliger Pendler zwischen Bett und Büro? Auch die Fünftagewoche erfordert Höhepunkte. Einfach mal ausbrechen! Morgens um 6 Uhr vor der Arbeit mit den Enten im See schwimmen! Sonntags in einen unbekannten Wald/Park legen und ein richtig gutes Buch durchlesen! An einem gewöhnlichen Dienstag Schokoladencroissant und Melonen-Kebab frühstücken! Tibetanisch essen gehen! Urlaube sind kurz, das Leben ist es auch.

Bei der Ankunft Zuhause gleich den nächsten Urlaub buchen.

In ein tiefes Post-Urlaubs-Loch fällt, wer nach der Heimkehr kein einziges Highlight in Aussicht weiß. Es ist wie am Tag nach Neujahr: auf die gemütliche Bratapfelsaison folgt mit den drei Düstermonaten Januar, Februar und März die Saure-Gurken-Zeit des Jahres. Da hilft nur eins: Nicht verzagen, sondern planen! Der Mensch braucht etwas, worauf er sich freuen kann, wenn gerade alle Freude hinter ihm liegt; etwas, das ihn daran erinnert, dass jeder Abschied zugleich auch ein Neuanfang ist. Gewiefte Post-Urlaub-Depressionspatienten haben die Koffer noch nicht ausgepackt, da ist die nächste Reise schon in Aussicht. Klingt dekadent, hilft aber, denn: Vorfreude ist die schönste Freude!

Einen Job finden, der wie Urlaub ist.

Urlaube sind ja eigentlich dazu da, die Batterien so aufzuladen, dass man nach dem großen Nichtstun erfrischt und mit neuem Tatendrang an den Schreibtisch zurückkehrt. Mit dieser positiven Einstellung kann das Ende des Urlaubs sogar richtig Spaß machen. Wer sich allerdings nie auch nur im Ansatz auf die Rückkehr ins Büro freuen will, der sollte möglicherweise einen Branchenwechsel in Erwägung ziehen. Skilehrer, Restauranttester, Sonnenstudiobesitzer, Hängemattenprobant: Es gibt viele Berufe, in denen die Arbeit mehr nach Spaß als nach zähem Brotverdienst aussieht. Allerdings wird bekanntlich jede regelmäßige Tätigkeit irgendwann zur Routine, ob man nun Versicherungen verkauft, Kniegelenke operiert oder Gourmetlokale bewertet. Vielleicht konzentriert man sich deshalb besser einfach darauf, den Spaß im Alltag zu finden.