Vom Laufsteg gelernt, Vol. IV

FÜR ALLE, DIE MAL WIEDER NICHTS ZUM ANZIEHEN HABEN

Zu meinen größten Triumph-Momenten, in denen ich mir selbst auf die Schulter klopfen, ein Siegertreppchen bauen und rote Rosen zuwerfen möchte, zählt das geglückte Kunststück, aus meinem alten Kleiderschrank etwas gänzlich Neues herauszuzaubern. Einkaufen im eigenen Schrank – wie genial ist das denn? Leider gelingt es mir nur selten. Aber neulich bin ich in einem von diesen kreativen Blitzmomenten, in denen man auf der Stelle die Wohnung umräumen, Brot backen und ein Buch schreiben möchte, auf die tolle Kombination aus schwarzem Rollkragentop, darüber getragenem weißem Männerhemd und Nadelstreifenanzug gekommen. Puh, war ich stolz! Hatte ich nicht gerade die gesamte Modeindustrie mit ihren fiesen Verführungsmethoden ausgetrickst? Ohne einen Cent dafür auszugeben einen neuen Menschen aus mir gemacht? Anders als die Influencer, die in Fendi-Komplettlooks in dem Glauben durch Paris laufen, sie sähen total abgefahren aus, obwohl sie doch eigentlich eher entlaufenen Schaufensterpuppen gleichen? Hatte ich.

Damit genug des Eigenlobs und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe der Laufsteglektionen! Ja! Sie sind wieder da! Denn natürlich war die gelungene Rollkragen-Männerhemd-Nadelstreifenanzug-Kombi ein Einzelfall und somit kein Lorbeerbett, auf dem sich gut ruhen lässt. Sobald ich vor meinem Kleiderschrank stehe, entweicht mir in der Regel alle Kreativität, und am Ende gehe ich wieder in Jeans und Bluse aus dem Haus. Und kaufe am nächsten Tag aus Versehen etwas, für das eigentlich gar kein Geld da ist und das ich schon im letzten Sommer nicht mehr sehen konnte. Solchen Irrtümern lässt sich hervorragend mit einer gründlichen Analyse der jüngst bei den Modenschauen vorgeführten Styling-Tricks vorbeugen. Warum nicht mal zwei Blazer übereinander anziehen (siehe Alexander McQueen), ein Seidentuch ans Ohr klemmen (Marine Serre) oder einen Teewärmer als Hut tragen (Calvin Klein)? Solche Feinheiten kann man nicht bei Zara kaufen! Bitte sehr: die besten Laufsteg-Entdeckungen zum Selbermachen. Ich gehe mir inzwischen den guten Teewärmer meiner Eltern ausleihen.

Black-Tie-Warnjacke

Endlich ist der Tag gekommen, an dem meine Mutter ruhig schlafen kann: Ich habe nämlich beschlossen, künftig in orangefarbener Warnjacke aus dem Haus zu gehen. Liest Du das, Maman? Nie wieder in Schwarz durch die Nacht radeln! Laut Calvin Klein und Burberry leuchtet Warnorange besonders gut im Kontrast zu etwas total Vornehmem, zum Beispiel einem karierten Mantel, einer weißen Handtasche oder meinem bereits vorhandenen Nadelstreifenanzug. Könnte jetzt bitte auch noch einer den Fahrradhelm cool machen?

 

 

Romantik für Coole

Kapuzenpullover lösen bei mir in der Regel eine ähnliche Abwehrreaktion aus wie Jogginghosen: Ich habe darin immer das Gefühl, zu einer faulen Masse zu zerfließen. Oder, um es mit Lagerfelds Worten auszudrücken, die Kontrolle zu verlieren. Die Kombination aus Kapuzenpullover, elegantem Rock und Ohrringen aber strahlt eine romantische Gelöstheit aus, die man sonst nur von der Diva kennt, die nach einem langen Abend die hohen Schuhe ausgezogen hat und mit gerafftem Rock und offenem Haar barfuß nach Hause läuft. (Gesehen bei Burberry)

 

 

Spangen-Sandwich

Fotos von Saint Luke (via)

Ja ja, dass diese Spangen, die man sich bisher nur zum Abschminken in die Haare klemmte, jetzt wieder als heißes Accessoire gefeiert werden, ist durchgesickert. Etwas für besondere Anlässe ist dagegen dieses Spangen-Sandwich, gesehen bei Faustine Steinmetz. Endlich mal eine Frisur, die bis zum Abendessen hält.

Schichtarbeit

Dieser raffinierte Zweifach-Blazer stammt von Alexander McQueen und kostet wahrscheinlich fünf Millionen Euro, aber das sollte uns nicht jucken. Kann man nicht einfach zwei schwarze Blazer übereinander ziehen? Nichts leichter als das, sagte Piggeldy.

Ich bin’s nicht!

Marc Jacobs hat den schönen Vorschlag gemacht, erst ein Tuch um den Kopf zu schlingen und dann noch einen Hut oben drauf zu setzen. So sieht man verdächtig nach jemandem aus, der nicht erkannt werden will – ein Promi! Wer wollte nicht immer schon mal für eine berühmte Schauspielerin gehalten werden?

Neues vom Seidentuch

Die Beermann’sche Käse-Theorie besagt, dass jedes Essen besser wird, wenn man Käse drauf tut. Jetzt sage ich: Jedes Outfit wird besser, wenn man ein Seidentuch dazu kombiniert. Egal, wie man es trägt, auf der Stelle ist man mit einem Seidentuch von einer Hepburn’schen Eleganz umhüllt. Toga schlägt aktuell vor, es lose um den Hosenbund zu schlingen, Gucci bindet es um den Mantelärmel und Marine Serre ist auf die wahnwitzige Idee gekommen, es mithilfe von glitzerndem Schmuck ans Ohr oder an die Sonnenbrille zu klemmen. Dazu hat sie übrigens auch noch den weltweit ersten abendtauglichen Taucheranzug entworfen.

 

 

Rebellen-Schleife

Als meine erste Diesel-Jeans am Knie aufriss, war ich stolz. Endlich hatte auch ich ein Loch in der Hose! Heute ist die gelöcherte Jeans ungefähr so revolutionär wie ein aufs Handgelenk tätowierter arabischer Schriftzug, nämlich gar nicht. Origineller finde ich die Jeans mit Geschenkband. In den feministischen Zeiten, in denen wir leben, wirkt ein gepflegtes Äußeres – rasierte Achseln,  gepuderte Nase, Jeans mit Schleifchen – nämlich echt rebellisch. (Gesehen bei Isa Arfen)

Ode an den Kabelsalat

In Kürze werden Kopfhörer mit Kabeln aus der Welt verschwunden sein, was total schade ist, weil sie jedem noch so spießigen Outfit immer so etwas Geheimagentenmäßiges verleihen konnten. Und gab es eine schönere Geduldsübung als das Entwirren der Kabelschnüre? Marine Serre hat der aussterbenden Spezies jetzt ein Outfit gewidmet. Voll retro! Toll dazu: der dekorativ an der Jacke befestigte Textmarker, seinerseits eine schwindende Art. Ach ja, die gute alte Zeit.

Teewärmer für Fortgeschrittene

Aus einem Sommerurlaub in Südengland brachten meine Eltern einst einen handgestrickten Teewärmer mit. Den werde ich mir in Kürze, inspiriert von Calvin Klein, ausleihen. Statt eines Kannenhenkels wird mein Gesicht aus der Öffnung spähen. Ich freue mich schon darauf.

Nilpferd im Gartenschlauch


Die wichtigste Regel der Saison zum Auf-die-Unterhose-Sticken: Je weiter die Hose, desto enger der Stiefel. Das klingt so kompliziert wie der Versuch, ein Nilpferd in einen Gartenschlauch zu zwängen, macht dafür aber sehr viel her – siehe The Row, Alessandra Rich und Vanessa Seward. Auf der Stelle wirkt man in diesem Aufzug so vornehm wie ein osmanischer Krieger. Obenrum empfiehlt sich eine vornehme Begleitung (zum Beispiel eine edle Bluse), da man sonst schnell aussieht wie ein Förster im Sonntagsstaat.

Gut vernetzt

Den kurzzeitigen Hype um Netzstrumpfhosen unter Jeans haben wir alle brav mitgemacht (stimmt’s?), jetzt liegt nur dummerweise diese Netzstrumpfhose (die gar nicht so günstig war!) im Schrank herum und wartet darauf, wieder ausgeführt zu werden. Tom Ford hat da mal was vorbereitet: Pailletten-Leggins über Netzstrümpfen zu Zebra-Schuhen. Mal sehen, ob es auch diese Modeerscheinung bis in die Fußgängerzonen schafft. I doubt it. 

Sommer für Ungeduldige

Dieser Trick ist etwas für Ungeduldige, also Menschen wie mich, die Ende März vor lauter Winterverdruss am liebsten all ihre Wollpullover verbrennen würden. Von derartigen Kurzschlussreaktionen ist abzuraten. Dafür kann man schon mal die bunten Sommerröcke und filigranen Sandalen rausholen und einfach eine schwarze Strumpfhose drunter ziehen. Ein Look, der mich irgendwie an meine Kindergarten-Jahre erinnert, also eine Zeit des unüberlegten Handelns und sorglosen Anziehens. (Gesehen bei Maryam Nassir Zadeh)

Picknick-Frisur

Ich habe den Verdacht, dass ein ins Haar gebundenes Tuch schnell nach verfilztem Rattenschwänzchen aussehen könnte, wenn man dazu, sagen wir, einen Kapuzenpullover trägt. Deshalb kann man sich hier gerne an die Vorlage halten. Die Kombination mit Hut und Mantel sieht schön nach Picknick im Grünen oder Reitausflug aus. Man sollte in diesem Outfit nicht zu langsam gehen (oder reiten), damit das Tuch auch schön im Wind flattert. (Gesehen bei Johanna Ortiz)

Schutz-Hüllen

Es ist doch nur Kleidung!, sagt meine Mitbewohnerin manchmal, wenn sie sich was aus meinem Kleiderschrank ausleihen möchte und ich mich mal wieder querstelle. Ich finde aber eben nicht, dass Kleidung nur Kleidung ist und sie deshalb jeder anziehen und potenziell ruinieren darf. Deshalb gehöre ich zu jenen Menschen, die ihre Blusen beim Kofferpacken immer in Seidenpapier einschlagen und die teure Handtasche bei Regen in einer Plastiktüte transportieren. Nennt mich eine Spießerin, aber wie soll man denn sonst seine Begeisterung für etwas so Unnötiges wie Mode rechtfertigen, wenn man mit ihr umgeht wie mit einem gebrauchten Stück Alufolie? Bei Gucci lief nun ein Model im Kleidersack überm Kostüm über den Laufsteg, und Burberry steckte doch tatsächlich eine Handtasche in eine Plastiktüte. Eine schöne Botschaft gegen die allgemeine Wegwerfmentalität der Mode, oder? Transparente Tüten bekommt man übrigens in Universitätsbibliotheken.

Laufstegbilder via Vogue Runway